Alltag im Elysee-Palast, eine Siebzehnjährige auf Abwegen und eine Frau zwischen zwei Männern

19 Mai

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 15 Mai 2012, bezog Francoise Hollande nach seinem triumphalen Wahlsieg die Amtsräume des französischen Präsidenten im Elysee-Palast. Der Dokumentarfilm „Le Pouvoir“ (unter dem englischen Titel „Being President“ im Filmmarkt gezeigt) führt uns zurück an den Tag der Amtseinführung, als Hollande von der Euphorie des Neuanfangs beflügelt war und seine Sympathiewerte noch nicht im Keller waren. Acht Monate lang, bis zum Jahresanfang 2013, durfte ihn der Dokumentarfilmer Patrick Rotman bei seinem Arbeitsalltag begleiten und mit der Kamera beobachten. Die Offtexte sind aus Äußerungen Hollandes zusammengestellt, der damit die Kommentare zu seiner Arbeit auch selbst liefert. Wir werden zu Zeugen von Kabinettssitzungen, Staatsbesuchen, Konsultationen von Beratern, öffentlichen Auftritten und Vieraugengesprächen mit dem Ministerpräsidenten.

Die Funktion des Präsidenten als Ersatzmonarch spiegelt sich nicht nur in der pompösen Geschmacklosigkeit des Elysee Palastes und in einem absurd angestaubt wirkenden Zeremoniell mit Palastbediensteten im Frack und öffentlicher Verkündigung der Anwesenheit des Präsidenten, sobald der Hollande den Raum betritt, sondern zeigt sich auch im Amtsverständnis Hollandes, der – wie er selbst sagt – Wert auf Distanz zu seinen Ministern legt. Die Funktion des Präsidenten lasse es einfach nicht zu, sich auf eine Ebene mit anderen Politikern zu begeben. Die Symbole der Macht sind ihm – sichtbar – nicht ganz geheuer, aber darauf verzichten kann und will er nicht. Die präzise beobachteten, eher kleinen und intimen Momente gehören zu den Stärken des Films, während wir als Zaungäste der Kabinettssitzungen und Konsultationsgespräche nur sehr bedingt auf unsere Rechnung kommen Kein Wunder, denn Politiker sind zwar gute Schauspieler, haben aber nur ein sehr eingeschränktes Repertoire. Sich nicht direkt ans Publikum zu wenden, sondern in Gesprächssituationen unbefangen zu bleiben, während eine Kamera auf sie gerichtet ist, fällt ihnen naturgemäß noch viel schwerer als uns Normalbürgern. Wirklich fundamentale Dinge werden – wenig überraschend – vor laufender Kamera ohnehin nicht besprochen. Ist der Film im Detail auch facettenreich und informativ, so fehlt es ihm unterm Strich dann doch an analytischer Kraft. Bei einem Polit-Profi wie Hollande erschließen sich bestimmte Zusammenhänge nicht durch reines Beobachten. Hier hätte kritisches Nachfragen im klassischen Interviewstil deutlich mehr Erkenntnis gebracht.

Und Hollande selbst? Offenbar hat er sich von diesem Projekt einen Sympathiegewinn erhofft, sonst hätte er wohl kaum zugestimmt. Sympathisch wirkt er tatsächlich und auch bescheiden (wenn auch nicht uneitel). Nicht ohne Grund hat er sich den Wählern erfolgreich als kreuzbrave Alternative zum mephistophelischen Sakozy präsentiert. Entweder spielt er diese Rolle jetzt eisern weiter, oder er ist tatsächlich so bieder und so durchschnittlich wie er sich vor der Kamera gibt. Er wirkt eher wie ein strebsamer und etwas überforderter Buchhalter und nicht wie jemand, der in größeren Zusammenhängen denkt. Bei einem Vorbereitungsgespräch für ein Treffen mit Angela Merkel, schleicht sich der Verdacht ein, daß sich Hollande vor Merkel fürchtet und daß es ihm weniger darum geht, einen Standpunkt fundiert zu vertreten, als ihn nach außen gut zu verkaufen.

Wahrscheinlich heißt der vielseitigste Regisseur des Gegenwartskinos Francois Ozon. Keiner seiner Filme gleicht auch nur ansatzweise dem vorherigen. Mit beträchtlichem Mut zum Risiko wendet er sich jeweils unterschiedlichen Themenkreisen und Stilrichtungen zu. Das geht kommerziell und künstlerisch nicht immer gut, ist aber (fast) immer Kino auf hohem Niveau. Mit JEUNE & JOLIE, gleich am ersten Tag hier gezeigt, demonstriert er wieder einmal souverän, wie subtil er seine SchauspielerInnen führen kann. Im Ablauf der vier Jahreszeiten wird die Geschichte der Schülerin Isabelle erzählt, die ihre Entjungferung bewußt am Tag ihres 17. Geburtstags herbeiführt, um wenige Wochen eine geheime Karriere als Gelegenheitsprostituierte zu starten. Daß es für Isabelles Verhalten keinen erkennbaren materiellen, psychischen oder familiären Grund gibt, macht die Figur umso verstörender und gibt dem Film eine abgründige Spannung. Zugleich – und das ist die Kehrseite – ist uns dieses Verhalten so fremd und unerklärlich, daß es eine erzählerische Behauptung bleibt, der wir weder mit dem Herzen noch mit dem Verstand so richtig folgen können. Die junge Hauptdarstellerin Marine Vacth wird man sich merken müssen. Ihr steht, wie es aussieht, eine große Zukunft bevor.

Der Iraner Ashgar Farhadi hatte mit NADER & SIMIN eines der großen Meisterwerke der letzten Jahre geschaffen. LE PASSÉ ist nunmehr seine erste französische Produktion. Ursprünglich hätte Marion Cottilard die Rolle einer überforderten Mutter spielen sollen, die zwischen zwei Männern steht. Daß Berenice Bejo (THE ARTIST) dann in letzter Minute die Rolle übernahm, erweist sich für diesen Film als Glücksfall. Überfordert und verunsichert, alles andere als eine ideale Ehefrau und Mutter, in ihrem Fühlen und Wollen hin- und hergerissen, ungerecht, unduldsam und schuldbewußt-liebevoll schleicht sich diese Figur in unsere Seele. In vielen kleinen Wendungen, die nach und nach die Wahrheit ans Licht bringen, erzählt Farhadi eine Geschichte von eingebildeter und tatsächlicher Schuld. Auch wenn LE PASSÉ die Komplexität und Tiefe von NADER & SIMIN nicht ganz erreicht, ist dies dennoch ein fein gesponnener, virtuos inszenierter und auch sehr spannender Film.

Kurzes Cannes-Glossar

15 Mai

Heute Abend haben die Filmfestspiele in Cannes begonnen. Hier ein kurzes Glossar für Anfänger und Fortgeschrittene:

ABENDGALA:
Für professionelle Festivalbesucher ein Ärgernis. Einlaß nur mit Smoking und lange vor Beginn des Films. Dh. extra ins Hotel, umziehen, sich durch die Masse der Schaulustigen schlängeln dann über den Red Carpet, dann viel zu früh vor Beginn des Films im Kino hocken und sich langweilen. Ein lächerlicher Mummenschanz, der viel Zeit und Energie kostet.

ASTOUX & BRUN:
Restaurant am Hafen und Mekka für Meeresfrüchte-Liebhaber. Austern, Garnelen, Meeresschnecken und Krabben werden frisch und in bester Qualität serviert. Bevorzugt von deutschen Verleihern und Kinobetreibern frequentiert und ein Ort hellster Freude in Cannes.

BUYERS PRIORITY:
Bevorzugter Zugang für Filmeinkäufer und unbedingte Arbeitsnotwendigkeit. Man spart sich langes Anstellen und kommt knapp vor Beginn auch dann noch ins Kino, wenn draußen eine lange Schlange steht. Oder auch nicht, wie man immer wieder feststellen muß (-> Saalgröße).

CHAMPAGNER:
Fließt bei den meisten Empfängen und Partys nicht mehr so freigiebig wie früher. Nicht nur an der Menge wird inzwischen gespart, sondern auch an der Qualität – akute Brummschädelgefahr auch bei kleinen Mengen!

HOTELS:
Schauplätze gnadenloser Abzocke. Sogar Bruchbuden sind, sofern sie einigermaßen gut liegen, zu einem Vielfachen des Normalpreises schon Monate vorher ausgebucht. Man muß für 12 Nächte buchen, auch wenn kaum jemand länger als 10 Nächte bleibt.

INTERNETVERBINDUNGEN:
Sehr oft überlastet, aber lebensnotwendig, weil man zwischen den Screenings hektisch die Mails abarbeitet, um aus der Ferne die Geschicke zuhause zu lenken.

KONDITIONIERUNG:
Gab es früher früher ein fallweise Aufbegehren gegen die Festivalbürokratie, sind wir inzwischen zu pflegeleichten Herdentieren geworden. Wir lassen die stupiden Sicherheitskontrollen über uns ergehen, stellen uns geduldig wie die Schafe an diversen Laufgattern an, und sind gestreßt, unsere Tickets tatsächlich zu benutzen, weil wir im Computer sonst gesperrt werden.

LEERE KILOMETER:
Sie abzuspulen gehört zum Arbeitsalltag des Filmeinkäufers. Kreuz und quer über die Croisette zwischen Kinovorstellungen, Meetings und hektischen Nachfragen bei Weltvertrieben hetzend, sollte man keine Anstrengung unversucht lassen, mit den richtigen Filmen nach Hause zurück zu kehren. Auch wenn ein Großteil der Mühen sich als vergeblich erweist.

LUMIERE:
Größter Saal im Festivalpalais (2.300 Plätze). Hier werden die Wettbewerbsfilme gezeigt, und hier drängen sich abends die Schaulustigen, um einen Blick auf die Regisseure, Stars und Sternchen zu erheischen, wie sie über den roten Teppich hinaufgehen und den Festival-Olymp betreten

MORGENSTRESS:
Die erste Pressevorführung beginnt um 8.30. Und wer nicht spätestens um 8.00 am Eingang steht, wird möglicherweise nicht mehr eingelassen. Zusätzlich droht im Reservierungssystem eine Sperre für den nächsten Tag, weil das Ticket beim Betreten des Kinosaals nicht abgescannt wurde.

MURMELTIER:
Grüßt jährlich in Cannes. Es ist fast gespenstisch, wie bis ins letzte Detail alles gleich bleibt. Nur daß wir jeweils ein Jahr älter sind, wenn wir erneut hier eintreffen.

ORGANISATION:
Kann nur als perfekt bezeichnet werden. Das Kartenreservierungssystem für die Wetbewerbsfilme ist in dieser Form ein weltweites Unikum und sehr effektiv.

PREISNIVEAU: Eher jenseitig. Zumeist doppelt, sehr oft dreimal so hoch wie außerhalb der Festivalzeit. Vor allem kleine Snacks und Getränke zwischendurch sind ein teures Vergnügen.

PETIT MAJESTIC:
Kleine Brasserie in einer Nebengasse und ab Mitternacht egalitärer Festivaltreffpunkt. Egal ob großer Produzent oder kleiner Filmclubbetreiber, ob Branchengreenhorn oder langjähriger Cannes-Reisender: hier kann man sie alle treffen, auf der Straße stehend, akustisch gegen das lautstarke Stimmengewirr ankämpfend und den obligaten Plastikbecher mit schalem Bier in der Hand. Als exclusivere Alternative hat sich in den letzten Jahren die Terrasse des nahe gelegenen Grand Hotels etabliert. Die Getränke kosten sehr viel mehr, und es ist weniger gemütlich. Aber man bleibt unter seinesgleichen.

SAALGRÖSSEN:
Bei den Marktvorführungen ein wichtiger Parameter, wie früh man dort sein muß. Sehr oft finden die – vorhersehbar wichtigen – Vorführungen in winzigen Kämmerchen statt (mit nervenzerfetzenden Kämpfen ums Hineinkommen), während kaum besuchte Filme in Riesenkinos laufen.

SICHERHEITSKONTROLLEN:
Idiotisch und schikanös. Metalldetektotkontrollen beim Betreten aller Gebäude und systematisches Durchwühlen sämtlicher Taschen oder Rucksäcke. In Flughafenmanier wreden Wasserflaschen beim Betreten des Kinos konfisziert und weggeworfen – an heißen Tagen eine zusätzliche Strapaz. Die Sinnlosigkeit dieses ganzen Unfugs zeigt sich auch daran, daß die Metalldetektoren nur sehr selten anschlagen, egal wieviel Metallisches man mit sich herumträgt. Die Angst vor vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahren läßt das Sicherheitsbusiness boomen. Ein blühendes Geschäft für die Securityfirmen und eine Minderung der Lebens- und Arbeitsqualität für die Betroffenen. Cannes gibt einen lebendigen Einblick in diese schöne neue Welt.

WIEDERKOMMEN:
Cannes ist eine Zumutung. Anstrengend, teuer und schikanös. Aber es ist der wichtigste Filmhandelsplatz der Welt und daher unverzichtbar. Unabhängig davon erzeugt das Festival einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Wie die Süchtigen nehmen wir alle Anstrengungen auf uns, und wie eine Droge wirkt die Stimmung hier. Nur KollegInnen, die inzwischen verstorben sind (inzwischen leider gar nicht so wenige), oder die endgültig die Branche verlassen haben (fast niemand) kommen nicht mehr hierher. Einmal in Cannes, immer in Cannes. Und nächstes Jahr grüßt wieder das Murmeltier.

15. Frankophones Festival – Gedankensplitter

18 Apr

Im Alltag eines Kinos, der vom immer hektischer werdenden Wechsel einzelner Filme geprägt ist, werden regelmäßig wiederkehrende Festivals zu Inseln der Kontinuität und zu Orientierungspunkten für das Publikum. Neben wechselnden kleineren Veranstaltungen ist der Jahresplan des Votiv Kinos durch vier Festivals strukturiert, die eine langjährige Tradition begründet haben: das soeben anlaufende Frankophone Filmfestival im Frühjahr, „Nuovo Cinema Italia“ im Sommer, das jüdische Filmfestival im Herbst und das Kinderfilmfestival im Winter.

Erstmals fand das Frankophone Festival 1998, bei uns statt, und das Votiv Kino war damals eine riesige Baustelle. Die Arbeiten für unseren dritten Saal waren in vollem Gange, und wie so oft zog sich die Fertigstellung wesentlich länger hin als geplant. Damals stand der Multiplexboom gerade an seinem Anfang, und die Wiener Kinoszene hatte eine brutale Umstrukturierung vor sich. 15 Jahre später sind wir im digitalen Zeitalter angelangt, und wieder steht den Kinos ein Umbruch bevor. Das zeigt sich auch bei der Organisation eines Festivals. Die Rede ist hier von kleinen Publikumsfestivals, wie sie im Votiv Kino stattfinden und selbstverständlich nicht von großen A-Festivals wie Cannes oder Venedig oder von finanziell üppig ausgestatteten Großveranstaltungen wie der Viennale. Dort gelten ganz andere Regeln.

In analogen Zeiten waren die Kopienbeschaffung und der Kopientransport das finanzielle und logistische Hauptproblem bei allen Sonderprogrammen. Die (zumeist englisch) untertitelten Festivalkopien waren in der Herstellung teuer und die Weltvertriebe hatten für Einsätze rund um den Globus meistens nur eine Kopie zur Verfügung. Entsprechend unsicher war die Verfügbarkeit des jeweiligen Films, entsprechend teuer der Transport und entsprechend groß der Kahlschlag in der Liste der Wunschfilme. Festplatten kann man im Gegensatz zu den voluminösen 35mm-Kopien zu geringen Kosten duplizieren und verschicken. An der Kopienverfügbarkeit und am Transport scheitert in der digitalen Welt kein Filmeinsatz mehr. An hohen Kosten oder verweigerten Abspielrechten aber umso öfter. Die Weltvertriebe haben für die Publikumsfestivals die screening fees in jenem Ausmaß erhöht, in dem sich die Nebenkosten verbilligt haben. Und sie werden immer restriktiver darin, Filme erst dann zu vergeben, wenn feststeht, daß sie im jeweiligen Land keinen Verleih finden. Mit entsprechender Verspätung landen diese Filme dann auf dem Spielplan der Festivals.

Kurzfilme sind im Vergleich dazu eine andere Welt. Im normalen Kinoalltag haben sie so gut wie keinen Platz, und statt auf restriktive Einschränkungen stoßen die Festivals bei den Kurzfilmproduzenten auf freudige Bereitschaft, die Filme zu zeigen. So leicht es ist, die Filme zu bekommen, so schwierig ist es, eine Auswahl zu treffen und die passende Einsatzform dafür zu finden. Beides ist beim Frankophonen Filmfestival seit vielen Jahren gut gelöst. Die Auswahl durch eine Studentenjury ist verläßlich vielfältig, und der Samstag-Spätabendtermin macht die Kurzfilmnacht Jahr für Jahr zu einem ausverkauften Höhepunkt im Programm.

Kein anderes Land Europas unternimmt so große Anstrengungen, die eigene Filmkultur zu stützen und zu schützen wie Frankreich. Mit all den Vorzügen einer großzügig angelegten Förderpolitik und all den Nachteilen protektionistischen Denkens. Kein Wunder, daß die französischen Filme auch einen großen Teil des Festivalprogramms bestreiten. Hier arbeiten die bekanntesten Regisseure, die berühmtesten Schauspieler und die finanziell potentesten Produzenten. Umso erstaunlicher ist die Vielfalt des fankophonen Filmschaffens insgesamt. Die Filme aus Belgien, aus Kanada, aus der Schweiz und fallweise auch aus den afrikanischen Ländern können sich künstlerisch durchaus mit den Produktionen ihres großen Nachbarn messen.

International gesehen, begann für das französische Filmschaffen das Jahr 2012 mit ZIEMLICH BESTE FREUNDE kommerziell triumphal, doch danach kam ein großes Loch.
Außer UND WENN WIR ENDLICH ZUSAMMENZIEHEN (der zumindest im deutschsprachigen Raum sehr gut funktionierte) war da nicht mehr viel. Das drückt sich auch in der Zuschauerbilanz des Votiv Kinos aus, in der die kleine belgische Produktion DAS HAUS AUF KORSIKA weitaus besser performt hat, als die meisten sehr viel größer produzierten Filme aus Frankreich. Das französische Filmschaffen, so scheint es, erlebt einen jener Umbrüche, wie sie für große Filmnationen unvermeidlich sind. Das geht nicht ohne Schmerzen und kurzfristige Publikumseinbußen ab. Sosehr das Publikum seine Stars auch liebt, wird es ihrer überdrüssig, wenn die Rollen und ihre Besetzung allzu lange demselben Strickmuster folgen. Irgendwann bereitet es Verdruß statt Vergnügen, einen Star (schon wieder) in einer punktgenau geschriebenen Rolle den ewiggleichen Charakter verkörpern zu sehen. Plötzlich büßen die großen Namen ihre Zugkraft ein, und von einen Tag auf den anderen sind die bisher zuverlässigsten Regisseure keine Garanten mehr für ein sicheres Geschäft. Man sehnt sich nach neuen Formen, neuen Geschichten und unverbrauchten Gesichtern auf der Leinwand. Kurz: es ist Zeit für eine Wachablöse und einen Generationswechsel. Zum Glück ist kreative Potential des französischen Filmschaffens enorm, und die Produktionsbedingungen sind nach wie vor besser als sonst irgendwo in Europa. Deshalb muß man sich um die Zukunft des französischen Kinos nicht sorgen.

Im Zeitalter steigender Kosten, tendenziell abnehmender Zuschauerzahlen und schrumpfender Kulturbudgets sind große Produktionen – sogar für die finanzkräftige französische Filmwirtschaft – nur mehr als internationale Coproduktion zu stemmen. Das ist in der Praxis ganz schön aufwendig und in komplizierten zwischenstaatlichen Coproduktionsabkommen festgehalten. Schließlich müssen die Gelder entsprechend ihren Produktionsanteilen in den jeweiligen Ländern auch wieder ausgegeben werden. Die Ergebnisse sind nicht immer überzeugend, und leider sehr oft schwerfällig. Die Filme sind dann zwar teurer, aber nicht besser geworden. Doch glücklicherweise funktioniert es auch anders. Manchmal sind die Sternstunden des europäischen Kinos das Ergebnis länderübergreifender Zusammenarbeit. Der künstlerisch herausragende französischsprachige Film des Jahres 2012 wurde überwiegend mit französischem Geld gedreht und ausschließlich mit französischen Schauspielern besetzt. Doch der Regisseur ist kein Franzose sondern kommt aus Wien. Michael Hanekes AMOUR könnte als Beispiel Schule machen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten liegt für europäische Regisseure nicht jenseits sondern diesseits des Atlantiks. Es ist ein Kernland Europas, und seine Hauptstadt heißt Paris.

Zwei Tage Graz

17 Mär

Kurzer Abstecher zur Diagonale nach Graz. Konnte ich in den letzten Jahren die Begleitung unserer eigenen Filme mit der Gelegenheit kombinieren, mir neue Filme anzuschauen, war ich heuer durch ein enges Terminkorsett fast ausschließlich auf die Präsentation unserer Verleih-Filme fokussiert. Mit großer Neugier habe ich die Work-in-Progress-Präsentation von Erwin Wagenhofers ALPHABET erwartet, dem abschließenden Teil einer Dokumentarfilmtrilogie, die mit WE FEED THE WORLD begann und mit LETS MAKE MONEY ihre Fortsetzung fand. Wir werden diesen Film im Herbst ins Kino bringen, und knapp vor Weihnachten habe ich mit deutschen Verleih- und Vertriebskollegen eine sehr frühe Schnittfassung gesehen. Große Passagen des Films waren damals schon weit gediehen, manche Blöcke aber noch nicht ganz stimmig, und es gab eine lebhafte Diskussion darüber, welchen Stellenwert sie im fertigen Film bekommen sollten. Drei Monate später ist der Film in seiner Gesamtkonzeption nun fertig. Was noch fehlt ist der finale Feinschliff im Schneideraum.

Bildung ist das zentrale Thema in ALPHABET und wird hier sehr viel grundsätzlicher und facettenreicher behandelt, als es in den üblichen Diskussionen geschieht, welche Schulform die richtige sei und ob man den LehrerInnen mehr Unterrichtsstunden zumuten könne. Unser Schulsystem hat seine Wurzeln in der Frühzeit der Industrialisierung und ist immer weniger dazu geeignet, Kinder und Jugendliche in sinnvoller Weise auf ihr zukünftiges Leben als Erwachsene vorzubereiten. Es geht, das ist Wagenhofers zentraler Ansatz, um eine neue Form des Denkens, die uns wegführt von tradierten Leistungsbegriffen und vom herkömmlichen Konkurrenzverhalten hin zu kreativen und kooperativen Formen, uns Wissen anzueignen und mit einem neuen Selbst-Bewußtsein den Ängsten des Alltags zu trotzen. Fünf Ausschnitte mit begleitender Diskussion wurden in Graz gezeigt. Faszinierend und hochspannend war für mich die Vielfalt der gedanklichen Anknüpfungspunkte , die sich für ein zahlreich erschienenes und äußerst konzentriertes Publikum aus den einzelnen Filmausschnitten ergaben. Das Bildungsthema läßt – so scheint es – niemanden kalt, und es wird auch weiterhin für Diskussionen sorgen.

Hüyseyin Tabaks Spielfilm DEINE SCHÖNHEIT IST NICHTS WERT war – mangels finanzieller Ausstattung- ursprünglich als Kurzfilm an der Filmhochschule konzipiert und konnte mit Fördermitteln dann doch noch als abendfüllender Spielfilm realisiert werden. Veysel ist ein zwölfjähriger Kurde, der vor einem halben Jahr mit seinen Eltern nach Österreich geflohen ist. Von Abschiebung bedroht, lebt er mit seiner Familie isoliert in einem Gemeindebau. Die Haftstrafe in der Türkei hat seinen Vater traumatisiert und seinen beiden Söhnen entfremdet. Seine mangelnden Deutschkenntnisse machen Veysel in der Schule zum Außenseiter, schüchtern und heimlich liebt er ein Mädchen in seiner Klasse, und nur in seiner Phantasie kann er sich fallweise aus seinem bedrückenden Alltag befreien. In einem rauhbeinigen türkisch-kurdischen Nachbarn findet Veysel trotz anfänglicher Zurückweisung einen Freund, der ihm dazu verhilft, den Weg des Schweigens langsam zu verlassen und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Was wie ein kolportagehaftes Sozialdrama klingt, entpuppt sich auf der Leinwand als ein kleines Wunder. So zart wie brutal, so poetisch wie realistisch, so einfühlsam wie präzise erzählt der Film von den Hoffnungen und Nöten seines kleinen Helden. Nicht unser Mitleid mobilisert dieser Film sondern unsere Anerkennung und unseren Respekt für die innere Stärke seiner Figuren und für ihren Mut zur Veränderung. Hüseyin Tabak führt seinen eindrucksvoll agierenden Kinderdarsteller mit großer Sensibilität und erweist sich erneut als große Zukunftshoffnung unter den jungen Regisseuren. Der Film wurde bei seiner Uraufführung beim Filmfestival Karlovy Vary heftigst umjubelt und – für einen kurdischen Film auf einem türkischen Festival mehr als ungewöhnlich – beim Filmfestvial Antalya mit Preisen überhäuft. Am 12. April läuft er bei uns an.

Auch Anja Salomonowitz hat ihren neuen Film einem Migrationsthema gewidmet (Kinostart im Herbst). Die ProtagnostInnen in ihrem Film DIE 727 TAGE OHNE KARAMO haben Menschen geheiratet, die nicht aus dem EU-Raum kommen, und sehen sich mit nahezu unüberwindlichen bürokratischen Hürden konfrontiert. Ein Fremdenrecht, das von zynischer Menschenverachtung geprägt ist, steht ihrem privaten Glück massiv im Weg. Ist der kafkaeske Papierkrieg mit all seinen Formularen, Beglaubigungen und Bescheinigungen erst einmal ausgestanden, wurden die vorgeschriebenen Deutschkurse absolviert und Prüfungen abgelegt, beginnt ein zermürbender Alltag, in dem die Furcht vor Abschiebung allgegenwärtig ist. Zum psychischen Druck kommen noch beträchtliche finanzielle Hürden. Das Bleiberecht ist an ein Haushaltseinkommen geknüpft, das für die meisten Paare nur mit großer Mühe zu erreichen ist. Anja Salomomowitz hat ihre Protagonistinnen – quer durch alle sozialen Schichten – sehr klug ausgewählt. So wie Hüseyin Tabak will sie Mitleid gar nicht erst entstehen lassen. In streng strukturierten Tableaus, mit Gelbtönen in allen Schattierungen als Leitfarbe, führt sie die Paare ein. Die Stilisierung schafft Distanz, einen ordnenden Rahmen, der ihre Figuren unseren Blicken nicht schutzlos preisgibt. Mit großer Energie und teilweise auch mit Humor erzählen Menschen vor der Kamera, wie schamlos sich die Republik Österreich in ihre Liebesentscheidungen einmischt.

Neue Filme habe ich in Graz kaum gesehen. Aber ich konnte bei der Präsentation dreier Filme dabei sein, die mit hoher formaler Qualität von gesellschaftlich relevanten Themen erzählen. Drei Filme, die sich einmischen und tatsächlich etwas zu sagen haben. Für mich eine gute Bilanz.

Vorbild Dänemark?

11 Mär

Klausur zur Situation des österreichischen Films im niederösterreichischen Hernstein. Wohl dosiert und mit den üblichen Tagungsritualen (Impulsreferate, Arbeitsgruppen, Plenardiskussion) in überschaubare Happen portioniert, ging es vordergründig um eine Standortbestimmung, in Wahrheit aber um die Zukunft der Filmförderung.

Die Bilanz des heimischen Filmschaffens ist von paradoxer Ambivalenz: überproportional erfolgreich im Ausland, weitgehend publikumslos im eigenen Land. Während noch nie so viele Filme auf den großen Festivals liefen, während die internationale Filmkritik den österreichischen Film zunehmend als Trademark begreift, während die weltweite Reputation österreichischer Regisseure in einem Oscar für Michael Haneke gipfelt, ist der Inlands-Marktanteil des österreichischen Films mit 3,6% auf ein Niveau abgesunken, das europaweit kaum mehr zu unterbieten ist. Auch wenn 100.000 Zuschauer für Hanekes AMOUR-LIEBE beachtlich sind, auch wenn die ersten beiden Teile von Ulrich Seidls PARADIES-Trilogie besser performt haben, als man vorab vermuten konnte, auch wenn ein Film wie DIE WAND (auch dank vieler Schulvorstellungen) im letzten Herbst ein Achtungserfolg war, tatsächliche Zuschauererfolge sehen anders aus. Mindestens 300.000 Zuschauer benötigt man in Österreich für ein „Golden Ticket“, mit dem die Filmwirtschaft alljährlich die besucherstärksten Titel auszeichnet. Mit 600.000 Zuschauern erreicht man ein „Platinum Ticket“. Durchschnittlich 12-15 Filme spielen jährlich in dieser Liga mit, vier bis fünf davon in der Kategorie „Platin“. Die Jahres-Summe aller österreichischen Filme beträgt derzeit ca. 550.000 Zuschauer. In einem virtuellen Mannschaftsbewerb würde das nicht einmal für ein Platinum-Ticket reichen.

Es stimmt, die Zuschauerquote darf kein Richtmaß für Qualität sein. Es stimmt auch, daß die Dominanz des US-amerikanischen Films nicht nur bei uns, sondern in ganz Europa überwältigend ist. Und, ja, es ist eine Errungenschaft, daß Filme mit hohem künstlerischem Niveau auch dann gefördert werden, wenn ihr Publikumspotential gering ist. Doch all das kann dauerhaft keine Ausrede dafür sein, zunehmend am Publikum vorbei zu produzieren. Kein Filmschaffen kommt ohne Identitätskrise davon, wenn es auf Dauer keine Filme gibt, die das heimische Publikum liebt und in großer Zahl besucht. So wie bei uns erreichen auch in einem Land wie Dänemark die US-Mainstreamfilme in Summe gewaltige Zuschauerzahlen. Doch wie selbstverständlich finden sich alljährlich unter den Top Ten mehrere dänische Titel, die mit den amerikanischen Blockbustern gut mithalten können. Auch wenn man Frankreich als Sonderfall betrachtet(Marktanteil 40%), und die relative Stärke des deutschen Films (25-25%) mit der Größe des eigenen Binnenmarktes erklärt, ist auch im Rest Europas das Publikum zumindest fallweise bereit, lokalen Filmen eine Chance zu geben. Fast immer sind es internationale Coproduktionen, populär besetzte Komödien und stilsicher gemachte Genrefilme, die hier die Nase vorn haben.

Das stetig wiederholte Mantra von der internationalen Reputation des österreichischen Films mag politisch seinen Nutzen haben, führt aber zunehmend zu Selbstbetrug und Realitätsverweigerung. Ausgerechnet die jüngste Erhöhung der Fördermittel ließ alte und längst überwunden geglaubte Grabenkämpfe wieder aufbrechen. Die „Kunstfilmer“, massiv unterstützt von ihren Unterstützern im Feuilleton, werfen den „Kommerzfilmern“ vor, die Filmförderung für sich zu instrumentalisieren und den Löwenanteil der Mittel zu verbrauchen. Doch die Förderstatistik belegt diesen Vorwurf nicht. Und der implizit nahegelegte Zusammenhang zwischen geringer Zuschauerzahl hoher Qualität führt in fataler Weise in die Irre. Völlig unsinnig ist es, einzelnen Filmen ihr kommerzielles Scheitern vorzuwerfen. Wenn sogar die US-Filmindustrie mit all ihren Resourcen und Möglichkeiten nur einen kleinen Teil der produzierten Filme erfolgreich im Kino auswertet, dann wird die Erfolgsquote bei uns wohl schwerlich höher sein. Daß ein Teil der produzierten Filme mehr oder weniger schmerzlich mißlingt, ist de, Filmgeschäft immanent. Nicht das Scheitern einzelner Filme ist unser Problem, sondern das weitgehende Fehlen eines gemeinschaftlichen Kraftakts, um sich den publikumswirksamen Genres zuzuwenden und KinoschauspielerInnen mit Starpotential langfristig aufzubauen.

Soweit die Diagnose. Doch was ist die Therapie? Und was kann die Aufgabe der Förderer dabei sein? Überraschend konstruktiv wurden diese Fragen, trotz unterschiedlicher Interessen der Teilnehmer, in den Arbeitsgruppen diskutiert. Einigkeit besteht darin, daß die Projektentwicklung besser finanziert werden soll. Die Produzenten müssen sich aus dem Zwang befreien, im Projektstadium begonnene Filme, auf Gedeih und Verderb fertig zu stellen. Sie müssen es sich also leichter als bisher leisten können, Stoffe zu entwickeln und Projekte zu verwerfen. Das ist zwar eine vielfach postulierte Binsenweisheit, wurde aber noch nie mit so einhelliger Entschlossenheit postuliert.

Darüberhinaus steht der „Gremienfilm“ auf dem Prüfstand. Seit Jahrzehnten hängt die europäische Filmindustrie am Tropf der Förderer, und so gut wie überall haben sich – mehr oder weniger fachkundig besetzte – Fördergremien etabliert, die über die Vergabe der Gelder entscheiden. Die Republik Österreich konnte sich erst in den frühen 1980er-Jahren zu einer staatlichen Filmförderung durchringen. Sie hinkte damit der Entwicklung zwar deutlich hinterher, übernahm die internationalen Usancen aber umso getreulicher. Doch manchmal vollziehen sich Paradigmenwechsel mit verblüffender Geschwindigkeit. So wie die meisten unserer Nachbarländer von einem Tag auf den anderen die Wehrpflicht durch ein Berufsheer ersetzten, werden die Fördergremien nun reihum durch Intendanten ersetzt. Noch vor kurzem wurde die ausgewogene Besetzung der Gremien als Vorteil betrachtet, heute steht sie unter Nivellierungsverdacht und ist als Vollzugsorgan des kleinsten gemeinsamen Nenners in Verruf geraten. Sah man sich bisher der Pluralität der Meinungsbildung verpflichtet, wird nunmehr die beherzte einzelverantwortliche Entscheidung als Fortschritt gepriesen. Die Vorbilder sind so unterschiedlich wie facettenreich. Als besonders gelungen gilt das dänische Modell mit drei Intendanten und einer zusätzlichen Aufgliederung in verschiedene Förderbereiche. Der dänischen Filmförderung war auch der wahrscheinlich wesentlichste Vortrag der Tagung gewidmet. Die Erfolge des dänischen Modells sind zwar beeindruckend, die Vorbehalte dagegen aber nicht unberechtigt. Es kommt eben immer auf den Zusammenhang an. Und dieser ist in Skandinavien ein deutlich anderer als bei uns. Zu einer genaueren Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede reichte weder die Zeit noch die Kenntnis der Fakten. Doch zumindest die Generaldebatte wurde in Hernstein eröffnet. Womit uns das Thema weiter beschäftigen wird.

Bosnisches Leid und griechische Freude

15 Feb

Der Winter lastet schwer auf dem bosnischen Roma-Dorf und macht das Leben noch mühsamer als sonst. Zugleich breitet die Schneedecke einen gnädigen Mantel über die erbärmlichen Lebensbedingungen der Menschen, über die ärmlichen Häuser, die elenden Straßen, die Autowracks und den Schrott am Straßenrand. Nazif verdient sein Geld mit dem Sammeln von Alteisen und dem Zerlegen von Autowracks. Das reicht gerade aus, um sich mit seiner Frau Senada und seinen beiden Töchtern mühsam durchzubringen. Als Senada eine Fehlgeburt erleidet, gerät ihr Leben in Gefahr. Sie hat keine Krankenversicherung und kann die dringend notwendige Operation nicht bezahlen. Alle Versuche, entweder das Geld aufzutreiben oder der schmerzgeplagten Frau eine Operation ohne Bezahlung zu ermöglichen, werden zu einer Kette fortgesetzter Demütigungen. Im serbischen Teil des Landes erschwindelt sich Senada mit der Versicherungskarte ihrer Schwägerin gerade noch rechtzeitig die lebensrettende Operation. AN EPISODE IN THE LIFE OF THE IRON PICKER heißt der Film von Danis Tanović, in dem die Protagonisten sich selbst spielen und uns Einblick in ihr Leben gewähren. Mit wachem Blick fürs Detail schildert Tanović den Alltag dieser Menschen. Vom brachialen Zerlegen der Autowracks mit großen Äxten bis zum Brotbacken im altersschwachen Holzofen. Von der Solidarität, mit der die Dorfbewohner einander helfen, über die Hilflosigkeit der Hilfsorganisationen bis zur arroganten Feindseligkeit, die ihnen von den Verwaltungsapparaten entgegenschlagt. Behutsam und gänzlich unprätentiös geleitet Tanović seine Protagonisten durch den Film. Ein lakonisches Drama über Selbstbehauptung und Menschenwürde.

Aus ärmlichen Verhältnissen kommt auch der 13jährige Arslan im kasachischen Beitrag HARMONY LESSONS. Er lebt mit seiner Großmutter in einer kärglichen Bauernkate, ist ein guter Schüler und zugleich ein Sonderling. Als Außenseiter in seiner Klasse entkommt dem straffen System der Schutzgelderpressung, dem die ganze Schule unterworfen ist. Das Geld der Schüler wandert in die Taschen krimineller Organisationen. Eines Tages wird der verhaßte Geldeintreiber Bolat ermordet. Arslan und ein Mitschüler werden der Tat verdächtigt und landen in den Fängen des Polizeiapparates. HARMONY LESSONS zeigt die Innenansicht einer Diktatur, in der Zivilcourage, selbständiges Denken und Mut zum Ungehorsam gar nicht erst entstehen können. Ein geschlossenen Kreislauf aus Unterwerfung und Gewalt, der in der Kindheit beginnt, und aus dem es kein Entkommen gibt. Ältere Schüler, die jahrelang erniedrigt wurden, quälen ihrerseits nun die jüngeren Schüler, Eltern und Lehrer wollen sich nicht in Schwierigkeiten bringen und schauen lieber weg, und die Polizisten geben sich zwar als nette Menschen, zögern aber keine Sekunde, ihre jungen Gefangenen brutal zu foltern, um ihren Vorgesetzten die gewünschten Ermittlungsergebnisse zu liefern. Ein erstaunlicher Erstlingsfilm, der in den letzten 10 Minuten zuviel erzählen will und ein bißchen den Focus verliert, uns in den ersten 100 Minuten aber hochkonzentriert in die Spirale der Gewalt hineinführt.

CHILDS POSE von Calin Peter Netzer setzt die Tradition des realistischen rumänischen Sozialdramas nahtlos fort. Im Mittelpunkt steht eine erfolgreiche Architektin, deren Sohn mit viel zu hoher Geschwindigkeit ein Kind totgefahren hat. In ihrer Gedankenwelt haben weder Mitleid noch Reue über die Tat des Sohnes Platz. Es geht ausschließlich darum, Polizisten einzuschüchtern, Zeugen zu bestechen und die Angehörigen des toten Kindes mit Geld zum Schweigen zu bringen. Mit fiebriger Handkamera folgt Netzer seiner rastlosen Hauptdarstellerin, die nicht nur den Sohn vor dem Gefängnis bewahren sondern auch ihren gesellschaftlichen Status schützen und den Zerfall ihrer Familie aufhalten will. Ein filmischer Ausflug in eine korrupte Gesellschaft, deren arrogante Oberschicht sich in der Gewißheit sonnt, mit Geld alles kaufen zu können.

Kamen die thematisch relevanten Filme einmal mehr vom östlichen Rand der westlichen Welt, gab es aus den etablierten Filmländern wenig Bemerkenswertes. Juliette Binoche liefert in Bruno Dumonts CAMILLE CLAUDEL eine schauspielerische Glanzleistung ab, dramaturgisch bleibt der Film aber mit voyeuristischer Faszination am Innenleben eines Irrenhauses hängen, ohne über statische Tableaus seiner in ihre Innenwelt versinkenden Hauptdarstellerin hinauszukommen.

Psychisch krank scheint auch die junge Mörderin in Steven Soderberghs Thriller SIDE EFFECTS zu sein. Die Geschichte des Kinos ist reich an schurkischen Psychiatern, die ihre Patienten zu ihren eigenen finsteren Zwecken instrumentalisieren. Catherine Zeta-Jones fügt dieser Spezies ein überschminktes und hornbebrilltes, eiskaltes Luder hinzu. Jude Law spielt jenen unglücklichen Kollegen, dem sie ihre Patientin überweist und der unwissentlich zum Gehilfen eines mörderischen Komplotts wird. Das ist routiniert gespielt und sauber inszeniert, hält den Zuschauer aber emotional auf Distanz. Was nicht nur an der überkonstruierten Geschichte liegt, sondern auch daran, daß Jude Law zu fragwürdigen Methoden greift, um seine eigene Haut zu retten. Eine derart ambivalente Hauptfigur verträgt sich mit einer Dramaturgie des klassischen identifikationskknos nur schlecht. Trotzdem: wer sich um die Gesetze von Logik und Wahrscheinlichkeit nicht allzusehr kümmert, wird hier solide unterhalten.

Vor 18 Jahren sind sie einander in Wien begegnet, vor neun Jahren haben sie sich in Paris wiedergesehen, und nunmehr machen sie als Paar mit ihren beiden kleinen Töchtern Urlaub in Griechenland. Céline (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) sind zurück. BEFORE MIDNIGHT heißt der nunmehr dritte Teil ihrer Beziehungsgeschichte unter der Regie von Richard Linklater, und dieser Film war Abstand der gelungenste Beitrag dieser Berlinale; wäre er nicht außer Konkurrenz gelaufen, ein sicherer Bärenanwärter. Wie seine beiden Vorgängerfilme ist BEFORE MIDNIGHT äußerst wortreich, aber – im Gegensatz zu diesen – niemals geschwätzig. Aus jungen Liebenden ist ein Paar um die vierzig geworden, das Leben hat seine Schrammen hinterlassen und auch ihre Beziehung ist, ohne daß es die beiden so recht bemerken, in eine Krise geraten. Was beim gemeinsamen Abendessen mit Freunden als großer Diskurs über die Kunst des Zusammenlebens und des Älterwerdens beginnt und sich danach in trauter Zweisamkeit als Liebesnacht fortsetzt, endet in einem handfesten Ehekrach, der beinahe zur Trennung führt. Die Dialoge, an denen Delpy und Hawke mitgeschrieben haben, sind so abwechslungsreich wie witzig. Die beiden scheinen mit ihren Rollen zu verschmelzen, und wir Zuschauer, die wir in den letzten 18 Jahren mit ihnen mitgealtert sind, können uns als Lebende, Liebende und Leidende in diesen Film so gut wie überall einbringen. Es war eine kluge ästhetische Entscheidung, nicht das Bilderbuchgriechenland einer Kykladen-Insel als Hintergrund zu wählen, sondern die karge und rauhe Landschaft des Peloponnes. Umso lieber und ohne schlechtes Gewissen läßt man sich dann das versöhnliche Ende gefallen – an einem malerisch beleuchteten Kaffeehaustisch nachts am Meer.

Ich hatte BEFORE MIDNIGHT vor der Berlinale auf Drehbuchbasis gekauft. Beglückt im Publikum zu sitzen und sich mit ihm über einen gelungenen Film zu freuen, den man bereits sicher an der Angel hat, gehört zu den schönen Momenten im Verleiherleben. Abschließend betrachtet hat ein bestürzend mageres Berlinale-Jahr für mich einen guten Ausgang genommen, und ich kann mich einigermaßen zufrieden auf die Heimreise machen.

Verarmte Bauern und starke Frauen

11 Feb

Einen Festivalblog aus Verleiherperspektive zu schreiben bedeutet im Extremfall, über die gesehenen Filme teilweise nicht zu schreiben. Filme unserer Konkurrenten mache ich nur zum Thema, wenn ich sie uneingeschränkt loben kann. Über unsere eigenen Filme schreibe ich nur dann, wenn ich ihnen unverkrampft und ohne oberflächliche Lobhudelei gerecht werden kann. Und bei den in speziellen Buyer-Screenings vorab gezeigten Wettbewerbsfilmen sind Voraus-Berichte nicht zulässig.

Also beginne ich unverfänglich mit Gus van Sant’s PROMISED LAND, weltweit von einem US-Major verliehen und gleich am zweiten Tag im Wettbewerb gezeigt. Ein sanft komödiantisch angehauchtes Ökodrama über den derzeit wahrscheinlich wichtigsten wirtschaftlichen Umbruch der Vereinigten Staaten. Gewaltige Gasvorkommen in tiefen Gesteinsschichten verheißen den USA eine weitgehend autarke Energiezukunft und den Energiekonzernen Milliardengewinne. Doch die Sauberkeit des Trinkwassers und die Qualität der Böden sind bedroht, wenn mit den umstrittenen Fracking-Methoden unter hohem Druck Chemikalien in die Tiefe gepumpt werden. Daher ist die Gasförderung ein politisch hoch brisantes Thema.

Matt Damon spielt Steve Butler, den soeben beförderten Angestellten eines Großkonzerns. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sue (Frances McDormand) soll er in einem gottverlassenen Landstrich zu möglichst billigen Preisen Nutzungsrechte für die Gasgewinnung erwerben. Anfangs läuft alles wie am Schnürchen. Das Leben der Farmer ist hart, die Erträge sinken, und die meisten von ihnen sind verschuldet. Das Geld haben sie also bitter nötig, und wer will sich schon gegen den Fortschritt stellen? Doch plötzlich dreht sich die Stimmung und Steve muß nicht nur um die Zustimmung der Farmer kämpfen sondern auch um seinen eigenen Job.

Widmet sich der Film in der ersten Hälfte noch mit ironischer Präzision den Manipulationsmethoden des Konzerns, verstrickt er sich mit Fortgang der Handlung in eine gar zu konventionelle Liebesgeschichte, in eine etwas weit hergeholte Verschwörungstheorie und einen gänzlich naiv wirkenden Schluß. Dennoch – sympathisch und unterhaltsam ist PROMISED LAND allemal.

Auch die Bauern in Boris Khlebnikovs russischem Wettbewerbsbeitrag A LONG AND HAPPY LIFE kämpfen gegen einen übermächtigen Gegner. Kein großer Konzern bedroht ihre Existenz sondern die korrupte Provinzverwaltung, die die Eigentumsrechte an ihren Grundstücken in Frage stellt. Saacha ist erst vor kurzem aus der Großstadt hierhergekommen und hat voller Hoffnungen einen Bauernhof übernommen. Aufgestachelt vom Protest seiner Landarbeiter und seinem sozialen Gewissen folgend, weist er die Entschädigungssumme zurück und nimmt den Kampf auf. Doch seine Mitstreiiter lassen ihn nicht nur im Stich sondern fallen ihm auch noch in den Rücken. Die Stationen seines Untergangs werden mit schörkelloser Handkamera und mit größtmöglicher Knappheit vor der Kulisse der gnadenlosen Natur im Norden Rußlands geschildert.

In den rauhen NORDEN zieht es auch eine Gruppe von Siedlern in Thomas Arslans GOLD. Ein deutscher Western, der einen zusammengewürfelten Haufen von sieben Deutschamerikanern im Jahr 1898 auf ihrem Weg zum Yukon begleitet. Vom Goldrausch angesteckt, haben sie ihr letztes Erspartes zusammengekratzt, um die Reise zu finanzieren. Die bessere Zukunft, die sie sich erhoffen, liegt 2500 Kilometer von der letzen Bahnstation entfernt, und keiner der unbedarften Neuankömmlinge macht sich einen Begriff davon, wie hart der Weg sein wird, den sie mit Pferden und einem Planwagen zurücklegen wollen. Der Film wirkt authentisch recherchiert und besticht durch eindrucksvolle Bilder. Die Handlung aber ist aber reichlich dünn und sehr vorhersehbar. Und wäre da nicht Nina Hoss, die offenbar jeden Film im Alleingang tragen kann, wäre der Filmtreck in den amerikanischen Norden ein gänzlich blutleeres Unterfangen.

An starken Frauenfiguren war in den ersten drei Festivaltagen jedenfalls kein Mangel. Da wäre zum Beispiel die blutjunge Suzanne (beeindruckend gespielt von Pauline Etienne), die in der Diderot-Verfilmung LA RELIGIEUSE gegen ihren Willen von ihren Eltern ins Kloster gesteckt wird, weil das Geld nicht reicht, um alle Töchter standesgemäß zu verheiraten. Weder der Widerspruch zwischen Gehorsam und eigenem Willen noch die Disziplinierungsmaßnahmen der Äbtissin können ihre innere Unabhängigkeit und ihren Freiheitswillen brechen.

In der chilenischen Produktion GLORIA ist die gleichnamige Titelheldin eine geschiedene Endfünfzigerin, die auf ein aktives Sexualleben nicht verzichten will und gerne ihre kurzfristigen Bekanntschaften gegen eine längerfristige Beziehung eintauschen würde. Doch als sie scheinbar den Richtigen kennenlernt, entscheidet sie sich gegen faule Kompromisse. Auch Fanny Ardant kann in Marion Vernoux’s BRIGHT DAYS AHEAD (zu sehen im Filmmarkt) einem selbstbestimmten Umgang mit Männern sehr viel abgewinnen. Die Kinder sind aus dem Haus, das Eheleben verläuft in gepflegt- langweiligen Bahnen, und der soeben angetretene Ruhestand wird zu einem Sturz ins Leere. Als eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann ihr Leben in aufregende Unordnung bringt, will sie die Entscheidung über ihren zukünftigen Lebensentwurf weder ihrem Mann noch ihrem Liebhaber überlassen.

Sind GLORIA und BRIGHT DAYS AHEAD von warmherzigen Frauenporträts geprägt, taucht die türkische Produktion LIFETIME (in der Nebenreihe Panorama) die Geschichte einer gescheiterten Ehe im gehobenen Mittelstandsmilieu Istanbuls in bläulich-kalte Winterbilder. Auch hier findet die Frau am Ende die Kraft, klare Verhältnisse zu schaffen.

Allen drei Filmen ist gemeinsam, daß sie ihre Erzählperspektive konsequent aus der Sicht ihrer weiblichen Hauptperson einnehmen. Drei beeindruckende Schauspielerinnen, die – auf stilistisch sehr unterschiedliche Art – von einer konsequent geführten Kamera ins Bild gerückt werden und die sehr selbstbewußt zu ihrem Alter stehen. Erotik inclusive. Eine Entwicklungslinie des Gegenwartskinos, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.

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