Vor ziemlich genau einem Jahr, am 15 Mai 2012, bezog Francoise Hollande nach seinem triumphalen Wahlsieg die Amtsräume des französischen Präsidenten im Elysee-Palast. Der Dokumentarfilm „Le Pouvoir“ (unter dem englischen Titel „Being President“ im Filmmarkt gezeigt) führt uns zurück an den Tag der Amtseinführung, als Hollande von der Euphorie des Neuanfangs beflügelt war und seine Sympathiewerte noch nicht im Keller waren. Acht Monate lang, bis zum Jahresanfang 2013, durfte ihn der Dokumentarfilmer Patrick Rotman bei seinem Arbeitsalltag begleiten und mit der Kamera beobachten. Die Offtexte sind aus Äußerungen Hollandes zusammengestellt, der damit die Kommentare zu seiner Arbeit auch selbst liefert. Wir werden zu Zeugen von Kabinettssitzungen, Staatsbesuchen, Konsultationen von Beratern, öffentlichen Auftritten und Vieraugengesprächen mit dem Ministerpräsidenten.
Die Funktion des Präsidenten als Ersatzmonarch spiegelt sich nicht nur in der pompösen Geschmacklosigkeit des Elysee Palastes und in einem absurd angestaubt wirkenden Zeremoniell mit Palastbediensteten im Frack und öffentlicher Verkündigung der Anwesenheit des Präsidenten, sobald der Hollande den Raum betritt, sondern zeigt sich auch im Amtsverständnis Hollandes, der – wie er selbst sagt – Wert auf Distanz zu seinen Ministern legt. Die Funktion des Präsidenten lasse es einfach nicht zu, sich auf eine Ebene mit anderen Politikern zu begeben. Die Symbole der Macht sind ihm – sichtbar – nicht ganz geheuer, aber darauf verzichten kann und will er nicht. Die präzise beobachteten, eher kleinen und intimen Momente gehören zu den Stärken des Films, während wir als Zaungäste der Kabinettssitzungen und Konsultationsgespräche nur sehr bedingt auf unsere Rechnung kommen Kein Wunder, denn Politiker sind zwar gute Schauspieler, haben aber nur ein sehr eingeschränktes Repertoire. Sich nicht direkt ans Publikum zu wenden, sondern in Gesprächssituationen unbefangen zu bleiben, während eine Kamera auf sie gerichtet ist, fällt ihnen naturgemäß noch viel schwerer als uns Normalbürgern. Wirklich fundamentale Dinge werden – wenig überraschend – vor laufender Kamera ohnehin nicht besprochen. Ist der Film im Detail auch facettenreich und informativ, so fehlt es ihm unterm Strich dann doch an analytischer Kraft. Bei einem Polit-Profi wie Hollande erschließen sich bestimmte Zusammenhänge nicht durch reines Beobachten. Hier hätte kritisches Nachfragen im klassischen Interviewstil deutlich mehr Erkenntnis gebracht.
Und Hollande selbst? Offenbar hat er sich von diesem Projekt einen Sympathiegewinn erhofft, sonst hätte er wohl kaum zugestimmt. Sympathisch wirkt er tatsächlich und auch bescheiden (wenn auch nicht uneitel). Nicht ohne Grund hat er sich den Wählern erfolgreich als kreuzbrave Alternative zum mephistophelischen Sakozy präsentiert. Entweder spielt er diese Rolle jetzt eisern weiter, oder er ist tatsächlich so bieder und so durchschnittlich wie er sich vor der Kamera gibt. Er wirkt eher wie ein strebsamer und etwas überforderter Buchhalter und nicht wie jemand, der in größeren Zusammenhängen denkt. Bei einem Vorbereitungsgespräch für ein Treffen mit Angela Merkel, schleicht sich der Verdacht ein, daß sich Hollande vor Merkel fürchtet und daß es ihm weniger darum geht, einen Standpunkt fundiert zu vertreten, als ihn nach außen gut zu verkaufen.
Wahrscheinlich heißt der vielseitigste Regisseur des Gegenwartskinos Francois Ozon. Keiner seiner Filme gleicht auch nur ansatzweise dem vorherigen. Mit beträchtlichem Mut zum Risiko wendet er sich jeweils unterschiedlichen Themenkreisen und Stilrichtungen zu. Das geht kommerziell und künstlerisch nicht immer gut, ist aber (fast) immer Kino auf hohem Niveau. Mit JEUNE & JOLIE, gleich am ersten Tag hier gezeigt, demonstriert er wieder einmal souverän, wie subtil er seine SchauspielerInnen führen kann. Im Ablauf der vier Jahreszeiten wird die Geschichte der Schülerin Isabelle erzählt, die ihre Entjungferung bewußt am Tag ihres 17. Geburtstags herbeiführt, um wenige Wochen eine geheime Karriere als Gelegenheitsprostituierte zu starten. Daß es für Isabelles Verhalten keinen erkennbaren materiellen, psychischen oder familiären Grund gibt, macht die Figur umso verstörender und gibt dem Film eine abgründige Spannung. Zugleich – und das ist die Kehrseite – ist uns dieses Verhalten so fremd und unerklärlich, daß es eine erzählerische Behauptung bleibt, der wir weder mit dem Herzen noch mit dem Verstand so richtig folgen können. Die junge Hauptdarstellerin Marine Vacth wird man sich merken müssen. Ihr steht, wie es aussieht, eine große Zukunft bevor.
Der Iraner Ashgar Farhadi hatte mit NADER & SIMIN eines der großen Meisterwerke der letzten Jahre geschaffen. LE PASSÉ ist nunmehr seine erste französische Produktion. Ursprünglich hätte Marion Cottilard die Rolle einer überforderten Mutter spielen sollen, die zwischen zwei Männern steht. Daß Berenice Bejo (THE ARTIST) dann in letzter Minute die Rolle übernahm, erweist sich für diesen Film als Glücksfall. Überfordert und verunsichert, alles andere als eine ideale Ehefrau und Mutter, in ihrem Fühlen und Wollen hin- und hergerissen, ungerecht, unduldsam und schuldbewußt-liebevoll schleicht sich diese Figur in unsere Seele. In vielen kleinen Wendungen, die nach und nach die Wahrheit ans Licht bringen, erzählt Farhadi eine Geschichte von eingebildeter und tatsächlicher Schuld. Auch wenn LE PASSÉ die Komplexität und Tiefe von NADER & SIMIN nicht ganz erreicht, ist dies dennoch ein fein gesponnener, virtuos inszenierter und auch sehr spannender Film.