Cannes knapp vor der Preisverleihung

25 Mai

Fünf Tage ist es her, seit Michael Hanekes AMOUR gezeigt wurde, und der Stern dieses Films strahlt umso heller, je weiter des Festival fortschreitet. In den Kritiker-Rankings der Fachpresse liegt Haneke weit voran, und obwohl Preisverleihungen immer gut für Überraschungen sind, sollte die Jury an diesem Film nicht vorbeikommen. Die verstörende Intensität von AMOUR erreicht bei weitem kein anderer der hier gezeigten Filme. Am ehesten kann da noch Thomas Vinterbergs HUNT mithalten, der uns hautnah miterleben läßt, wie durch eine falsche Bezichtigung eine Existenz zerstört wird. Lucas (Mads Mikkelson) ist Kindergärtner in einem entlegenen Dorf, irgendwo in der dänischen Provinz. Ein harmloser Alltagskonflikt bringt die fünfjährige Tochter seines besten Freundes im kindlichen Zorn dazu, ihn eines unsittlichen Übergriffs zu bezichtigen. Als das Mädchen die Anschuldigung wenig später zurücknimmt, wird ihr nicht geglaubt. Ein schlecht ausgebildeter Psychologe und die überforderte Leiterin des Kindergartens interpretieren ihre entlastenden Aussagen als Teil eines kindlichen Verdrängungsprozesses. Kurzfristig verhaftet, wird Lucas mangels an Beweisen freigelassen. Die Hysterie im Dorf kocht hoch, und Lucas hat keine Chance mehr, seine Unschuld zu beweisen. Die Hetzjagd kann beginnen! Vor allem im Mittelteil wird der Film zur beklemmenden Schilderung eines Alptraums, in den grundsätzlich jeder hineingeraten könnte. Nach seinem umjubelten Debüt DAS FEST war es still um Vinterberg geworden. Eine lange Serien von Flops hätte ihn um ein Haar aus dem Filmgeschäft hinauskatapultiert. Nach einigen Arbeiten als Theaterregisseur (u.a. auch in Wien) ist HUNT nun ein souveränes Filmcomeback.

Noch einige Jahre vor Thomas Vinterberg betrat Leos Carax als junges Genie die Festivalbühne, und wenige Filme später war seine Karriere so gut wie vorbei. Sein letzter Kinofilm POLA X lief 1999 hier in Cannes und war bei Kritik und Publikum ein spektakulärer Mißerfolg. Ich hatte damals den Film auf Drehbuchbasis teuer gekauft und erinnere mich noch gut an das Entsetzen, mit dem ich die Vorführung verließ. Mit HOLY MOTORS kehrt Carax nun mit einem Film zurück, der im Kino über ein Nischendasein nicht hinauskommen wird. Aber gescheitert ist er diesmal nicht. Denis Lavant spielt den rätselhaften Monsieur Oscar, der ein vermögender Mann zu sein scheint. Von einer distinguierten Assistentin begleitet, läßt er sich in einer gigantischen Strechlimousine durch Paris fahren, um verschiedene “Aufträge” zu übernehmen, die ihn in wechselhafte Rollen schlüpfen lassen. So mischt er sich als alte Bettlerin unter die Passanten einer belebten Kreuzung, er betätigt sich als akrobatischer Tänzer in einer Show mit spektakulären Lichteffekten, als hinkender Gnom entführt er Eva Mendes von einem Modeshooting, als Vater aus der Unterschicht holt er seine Teenager-Tochter von einer Party ab, um wenig später in eine Reihe weiterer Rollen zu schlüpfen. Um welche “Aufträge” es sich handelt, die er möglicherweise auf höheren Befehl ausführt, bleibt ebenso der philosophischen Interpretationslust des Zuschauers überlassen, wie die sehr viel banalere Frage, welche Identität Monsieur Oscar eigentlich hat. HOLY MOTORS ist ein lustvolles Spiel mit Rollen und Situationen, mit den Verstellungskünsten eines Schauspielers und ein vergnügliches Privatissimum über den schier unbegrenzten Reichtum maskenbildnerischer Verwandlungsmöglichkeiten.

Unter den Stammgästen auf der Croisette ist Ken Loach einer der produktivsten. Einen so heiteren und gutgelaunten Film wie THE ANGELS SHARE hat man von ihm aber seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Robbie ist ein jugendlicher Gewalttäter aus Glasgow und muß gemeinsam mit einigen anderen Jugendlichen Sozialarbeit verrichten, um dem Gefängnis zu entgehen. Dem Wunsch in Zukunft ein ehrbares Leben zu führen, steht der gemeinsame Geldmangel entgegen; zumal Robbie gerade Vater geworden ist und für Frau und Kind ein Dach über dem Kopf braucht. Als Robbie zufällig mitbekommt, daß im Whisky-Mekka Islay ein altes Faß mit rekordträchtig wertvollem Inhalt versteigert wird, trampt er gemeinsam mit seinen Freunden quer durch Schottland, um sich unter die Auktionsteilnehmer zu mischen. Doch sein genialer Plan, den Whisky unbemerkt aus dem Faß zu bekommen, scheint in letzter Minute zu scheitern. Wie immer bei Ken Loach ist das Drehbuch etwas schematisch und in der Figurenzeichnung holzschnitthaft. Doch seine Figuren haben das Herz auf dem rechten Fleck, und ihr Regisseur begegnet ihnen mit Sympathie und Herzenswärme. Der Film verharmlost den schwierigen sozialen Background seiner jugendlichen Helden nicht. Doch anstatt der üblichen verregnet-grauen Stadtansichten dominieren diesmal sonnenbeschienene schottische Landschaften den optischen Look, die Kunst des Whisky-Machens und des Whisky-Trinkens wird in animierender Weise gewürdigt, und ein buntes Sortiment an skurrilen Gags sorgt für wirklich gute Laune. Ein sozialkritisches Feelgood-Movie mit Publikumspotential. Vor einem Jahr wurde der Film auf Drehbuchbasis angeboten. Das Script hat mir gut gefallen, mir war das Ergebnis aber zu ungewiß, und der Film war mir zu teuer. Jetzt ist der Preis weiter geklettert. Noch ist bezüglich Österreich nichts entschieden. Kostengünstige Filmeinkäufe sehen jedenfalls anders aus!

Auch Abbas Kiarostami ist ein alter Bekannter in Cannes und einer der großen Regisseure der Neunziger Jahre. Die Kunst des virtuosen Umgangs mit Schauspielern und der raffinierten Kameraführung beherrscht er noch immer. Aber im Gegensatz zu früher, sind seine Geschichte blutleere Konstrukte, die die Mühe, sich darauf einzulassen, nicht wirklich belohnen. Ähnliches gilt für Carlos Reygadas mit POST TENEBRAS LUX, einem episodisch erzählten religiösem Traktat mit nihilistischen Einschüben. Nicht nur mich hat dieser Film ratlos aus dem Kino entlassen.

In den Nebenreihen gab es durchaus Interessantes – wenngleich ohne wirkliche Kinotauglichkeit: ein berührendes mexikanisches Drama über den Leidensweg einer Halbwüchsigen, die an ihrer Schule gnadenlos gemobbt wird (AFTER LUCIA) eine betulich-schräge Komödie mit Benoît Poelvorde als Altpunk (LEE GRAND SOIR), eine belgische Familientragödie (OUR CHILDREN) und als unterhaltsames Kuriosum, ein üppig ausgestattetes chinesisches Remake der GEFÄHRLICHEN LIEBSCHAFTEN, das die Handlung in das Schanghai der 30er-Jahre verlegt und uns an den Ausschweifungen der dekadenten Oberschicht teilnehmen läßt.

Die schwarzhumorige britische Komödie SIGHTSEERS war von einen Tag auf den anderen der Geheimtipp des Festivals und hat die internationalenVerleiherlandschaft in zwei Lager gespalten. Für die einen war das Glas halbvoll (die haben dann den Film gekauft) und für die anderen (so auch für mich) war es halbleer.

Daneben dann noch jede Menge Meetings, im Hotelzimmer spätabands gelesene Drehbücher, das übliche Hin- und Her-Gehetze über die Croisette und fast durchgehend Kälte und Dauerregen. So schlecht wie heuer war das Wetter in Cannes jedenfalls noch nie! Nach 11 Tagen Ausnahmezustand in der hermetischen Metarealität des anstrengendsten aller Festivals ist der Flughafen von Nizza alljährlich das Ziel meiner Sehnsucht. Hier sitze ich nun, und es ist so gut wie geschafft. Es ist Freitagabend, und mit dem Pfingstwochenende beginnt wieder das normale Leben.

Cannes knapp vor der Halbzeit

20 Mai

Nach dreieinhalb Tagen Cannes rückt die Außenwelt in unwirkliche Ferne. Der Festivalkosmos kreist ausschließlich um sich selbst, und die Anzahl an Vorführungen, Menschen und Informationen erreicht am Wochenende ihren Höhepunkt. Der Wettbewerb blieb bisher ohne große Entdeckungen. Der bisher mit Abstand beste Film, die chilenische Produktion NO, lief weitgehend unbeachtet in einer Nebensektion.

Als der chilenische Diktator Augusto Pinochet seinen amerikanischen Verbündeten zunehmend unbequem wurde, ließ er 1988 eine Volksabstimmung über seinen weiteren Verbleib als Staatsoberhaupt durchführen, um sein Terror-Regime zu legitimieren. Ein Sieg der Opposition schien ausgeschlossen. Pinochet beherrschte das Militär, den Staatsapparat und die gleichgeschalteten Medien. Um die internationale Öffentlichkeit zufriedenzustellen, wurden Wahlbeobachter ins Land gelassen, und der Opposition wurden täglich 15 (unzensurierte) Minuten Sendezeit im staatlichen Fernsehen zugestanden. Diese Fernsehspots trugen westlich dazu bei, daß die Menschen ihre Lethargie und ihre Angst abschüttelten und mehrheitlich mit “Nein” stimmten. Wie es dazu kam, beschreibt Regisseur Pablo Larrain spannend und verblüffend unterhaltsam.

Gabriel García Bernal spielt einen jungen Werbefachmann, der die Kampagne der Opposition auf völlig neue Beine stellt. Die klassische Politpropaganda tritt in den Hintergrund und wird durch eine freche, witzige und lebensfrohe Kampagne ersetzt, die den Erkenntnissen der Werbepsychologie folgt. Der Film ist eine intelligente und ironische Reflexion über den Verkauf politischer Botschaften rührt zugleich an die Emotionen des Publikums. Je erfolgreicher die Oppositionskampagne vorankommt, desto mehr werden ihre Protagonisten eingeschüchtert und so massiv bedroht, daß wir mit ihnen um ihr Leben fürchten müssen. Als Pinochet nach der verlorenen Volksabstimmung die Panzer aus den Kaserne rollen läßt, scheint alles verloren. Doch seine Generäle verweigern ihm die Gefolgschaft. Das Volk hat gesiegt. Ein Feel-Good-Polit-Dokudrama, das seine Zuschauer zufrieden aus dem Kino entläßt.

Der Glanz der großen Namen hat dem Wettbewerb bisher zum Großteil nicht geholfen – diese Feststellung sei mit der Einschränkung erlaubt, daß ich Ulrich Seidls PARADIES: LIEBE hier in Cannes nicht gesehen habe (der Film hat in Österreich bereits einen Verleih) und Michael Hanekes meisterhafter neuer Film AMOUR (bei uns im Verleih) heute offiziell gezeigt wird. Mit AMOUR kann Haneke nahtlos an DAS WEISSE BAND anschließen, und ohne jeden Zweifel wird der Film einer der Höhepunkte des Festivals sein. Davon abgesehen scheint Cannes heuer kein gutes Jahr für große Regisseure zu sein. Jacques Audiard läßt mit DE ROUILLE ET D’ OS (“Rost und Knochen”) seine stilistische Treffsicherheit auf der Höhe seines bisherigen Niveaus vermissen.

Marion Cotillard spielt die Delphintainerin Stephanie, die im Aquapark von Antibes, bei einem Unfall in einer Orca-Show beide Beine verliert. Kurz zuvor hat sie den sozial deklassierten Gelegenheitsarbeiter Ali kennengelernt, der ihr nun zu neuem Lebensmut verhilft. Dank der Möglichkeiten der Computer-Animation wird die beinlose Marion Cottilard so drastisch wie ausführlich ins Bild gerückt. Nicht ohne Grund, denn ihr zunehmendes (auch sexuelles) Selbstbewußtsein wird erst nachvollziehbar, wenn die Selbstverständlichkeit, mit der Ali ihre Behinderung akzeptiert,nicht im Bereich der diskreten Andeutung verbleibt. Der Film lebt von der Konfrontation zweier ungewöhnlicher und facettenreicher Persönlichkeiten. Er hat große Momente dort, wo Ali die anfangs lebensüberdrüssige Stephanie dazu verleitet, Schritt für Schritt in einen Alltag frei von Selbstmitleid zurückzufinden. Aber das Script dreht einige Pirouetten zuviel und der Film bleibt irgendwo im Niemandsland zwischen bittersüßer Kolportage, sozialkritischem Drama und romantischer Lakonie hängen.

Auch Matteo Garrone, zuletzt mit GOMORRA in Cannes, hat schon bessere Filme gemacht als seinen hier gezeigten REALITY. Die Geschichte eines neapolitanischen Fischhändlers, der unbedingt in den Big Brother-Container eines italienischen Fernsehsenders kommen will und darüber den Verstand verliert, wurde als schrille Satire auf das Berlusconi-verdummte Italien angekündigt, kommt aber etwas schwerfällig daher. Braucht der Film anfangs Zeit, um seinem Rhythmus zu finden, bahnt sich in einer reichlich überdehnten zweiten Hälfte der Wahnsinn redundant seinen Weg. Liebenswert in diesem Film sind hingegen die kleinen Alltagsszenen aus Neapel, die – zumindest uns Außenstehenden – diese Stadt trotz Mafia und Armut so lebensfroh erscheinen lassen.

Christian Mungiu hat vor fünf Jahren mit 4 TAGE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE die Goldene Palme gewonnen und einen Film präsentiert, der als eines der großen Meisterwerke der letzten Jahre im Gedächtnis bleibt. Mit DUPA DEALURI (Jenseits der Hügel) ist er nun erneut am Start. Alina und Voichita sind gemeinsam im Waisenhaus aufgewachsen. Alina hat ihr Glück in Deutschland versucht, Voichita ist Nonne in einem rumänisch orthodoxen Kloster geworden. Eines Tages kehrt Alina zurück, weil sie die Einsamkeit in Deutschland nicht erträgt. Als Gast im Kloster aufgenommen, beginnt sie Wahnvorstellungen zu entwickeln. Im Spital werden ihr Medikamente verschrieben, aber die Ärzte brauchen die knappen Betten für Akut-Patienten und können sich um eine psychisch Kranke mit unklarer Heilungsperspektive auf Dauer nicht kümmern. Alina ist krankhaft auf ihre Freundin fixiert und kehrt ins Kloster zurück. Der Wahn verschlimmert sich. Aus der Sicht des Popen und der Nonnen ist sie vom Teufel besessen, und nur ein Exorzismus kann ihre Seele retten. Von Ferne erinnert dieser Film an Hans-Christian Schmids REQUIEM. Es spricht für Mungius erzählerisches Können, daß er sich sehr ausführlich Zeit läßt (fast drei Stunden), um das Geschehen in ein sehr archaisches Klosterleben einzubetten und daß dennoch keine Langeweile aufkommt. Subtil und ganz nebenher wird in Alinas Geschichte auch die soziale Schieflage der rumänischen Gesellschaft abgehandelt. Wer kein Geld hat und keine Familie, die in auffängt, kann sich keine angemessene medizinische Betreuung leisten und hat auch keine Chance auf Zuflucht und Ernährung. So besehen ist das Kloster tatsächlich die letzte Zuflucht. Alle Virtuosität kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es letztlich unklar ist, was Mungiu hier eigentlich erzählen will und was ihn an diesem Stoff interessiert hat.

Im Markt einige sehenswerte Filme, hauptsächlich routiniertes französisches Unterhaltungskino. Gute Fernsehware, fürs Kino teilweise möglich, aber nicht zwingend. Doch die Halbzeit ist noch nicht ganz erreicht. Man kann also doch noch hoffen.

Brüsseler Geldnöte

16 Mai

Brüssel dreht den Geldhahn zu, und Verleiher in ganz Europa sind in ihrer Existenz bedroht. Von der Öffentlichkeit (und sogar von der Filmbranche) weitgehend unbemerkt spielt sich hinter den Kulissen ein Gezerre zwischen Filmverleihern, Weltvertrieben und der europäischen Kommission ab, bei dem die Verleiher die leichtfertige Finanzpolitik der Kommission auszubaden haben und – zu Bittstellern degradiert – verzweifelt versuchen, die schlimmsten Folgewirkungen der Sparmaßnahmen abzumildern. Der Sachverhalt ist einfach: bei den europäischen Verleihsubventionen wurde über mindestens vier Jahre hinweg zuviel Geld ausgegeben. Immer ausufernder wurden die Budget-Vorgriffe, der Fristenlauf für die Bewilligung der Gelder wurde immer länger und die Auszahlung der Mittel geriet zunehmend zu einem finanzakrobatischen Drahtseilakt. Als Ende 2011 der gesamte Jahresetat für 2012 ausgegeben war, folgte die Sparkeule. Der weitaus größte Fördertopf, die „automatische“ Verleihförderung (die deshalb so heißt, weil diese Mittel zuschauerabhängig generiert und nach einem vordefinierten Verteilungsschlüssel werden) wurde um 24% gekürzt, und der Termin für die Abrufung neuer Mittel wurde nach hinten verschoben. Das allein wäre schon ein harter Schnitt. Doch wirklich dramatisch wird die Situation durch die Logik des Systems, die den Verleihern vorschreibt, wie sie die Prämien aus Brüssel in europäische Projekte reinvestieren müssen, und durch die zeitlupenartig verzögerten Entscheidungsabläufe. Es ist ein sehr langer und mit Tonnen an Förderungsformularen gepflasterter Weg vom Kauf eines Kinotickets für einen europäischen Film bis zur Zusage der daraus resultierenden Cent-Beträge an den betreffenden Verleiher. Um dies auszugleichen und um das Knock Out-Kriterium des komplizierten Fristenlaufs ein bißchen abzumildern, können die Verleiher ab einem bestimmten Stichtag ihre Reinvestitionsanträge stellen, viele Monate bevor ihnen ihr Spielkapital offiziell bestätigt wird.
Wir alle rechnen uns am Jahresende anhand des Verteilungsschlüssels aus, was uns an Zuschauerprämien zusteht und verplanen munter jenes Geld, das wir noch gar nicht haben und das wir nun teilweise auch nicht bekommen. Da die Kürzung nahezu am Ende der aktuellen Reinvestitionsperiode bekannt gegeben wurde, fehlt uns jede Möglichkeit, vorausschauend zu reagieren und die gekürzten Mittel in unsere Berechnung einzubeziehen. Die Kürzung wirkt somit de facto rückwirkend. Für die Verträge, die wir geschlossen haben, für die Kinostarts, für die wir das Geld aus Brüssel einsetzen wollten, fehlt uns plötzlich die Bedeckung. Die gleichzeitige Verschiebung des neuen Reinvestitionsstichtags verlängert die Durststrecke und verringert zusätzlich unseren Handlungsspielraum.
Mitbetroffen sind die Filmverkäufer. Das Geld aus Brüssel war fixer Kalkulationsbestandteil der meisten Mindestgarantien und hat auch so manche Bieterschlacht befeuert. Würde angesichts der derzeit mageren Ergebnisse für europäische Arthausfilme ohnehin schon Vorsicht bei den Verleihern walten, killt der Wegfall der Risikoabsicherung aus Brüssel endgültig des Geschäft all jener Weltvertriebe, die im Moment keinen heißen Titel in der Pipeline haben.
Die Mediaförderung ist jeweils auf fünf Jahre budgetiert, und das aktuelle Fördermodell läuft nächstes Jahr aus. Die ersten Vorschläge für die Media-Zukunft lassen more of the same vermuten und geben wenig Hoffnung auf eine Vereinfachung der Abläufe und Beschleunigung der Entscheidungen. Je besser das Media-Programm im Lauf der Jahre dotiert wurde, desto mehr war es von jenem Fluch begleitet, der scheinbar unausweichlich auf allen EU-Programmen lastet: um einen Teil der Mittel sinnvoll einzusetzen, wird in Kauf genommen, daß ein anderer Teil des Geldes ohne großen Struktureffekt versickert. Zu groß sind die Rücksichten, die man auf einzelne Länder, Lobbies und Befindlichkeiten nehmen muß, um das Geld nach Effizienzkriterien zu verteilen. Auch die Kommission leistet ihren Beitrag zur Fehlsteuerung der Ressourcen. Da sich große Visionen politisch besser verkaufen lassen, wird gnadenlos eine Förderschiene nach der anderen erfunden, die sich den „neuen Medien“ widmet, deren Inhalte völlig unausgegoren sind. Daß ein Großteil dieser Visionen illusionär ist, einem Praxistest nicht standhält und zur Geldverschwendung geradezu einlädt, scheint niemanden weiter zu stören.
Dort wo man tatsächliche Erfolge erzielen kann, im täglichen Klein-Klein jener Programme, die ihre Funktionstüchtigkeit unter Beweis gestellt haben, versinkt der Arbeitsalltag in einem Alptraum an Bürokratie, der einen Teil der Gelder wieder auffrißt. Die Bürokratie frißt aber auch ihre Erfinder auf. Die Abläufe sind quälend schwerfällig, und inzwischen dauert es eher Jahre als Monate, bis die Anträge bearbeitet sind.
Zur Verhinderung von Mißbrauch trägt die Kontrollwut nur bedingt bei. Dabei wäre es nicht schwer, einen Ausweg aus der Misere zu finden. Das Media-Programm müßte sich bloß auf seine (trotz allem erfolgreich funktionierenden) Kernaufgaben beschränken und alle anderen Förderschienen streichen. Dort wo Prämien ausgeschüttet werden, sollte man es der Entscheidung der Förderungsempfänger überlassen, wie sie das Geld verwenden. Das verträgt sich aber denkbar schlecht mit der Regulierungswut und Kontrollsucht der EU-Bürokratie. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende des realen Sozialismus ist die Planwirtschaft nicht tot. Ihre glühendsten Anhänger sitzen in Brüssel.
Heute beginnt das Filmfestival in Cannes. Hier werden die Filmverleiher und Weltvertriebe nochmals gemeinsam versuchen einen vernünftigen Kompromiß mit den Vertretern des Media-Programms auszuhandeln. Die Chancen stehen schlecht. Die Abordnung aus Brüssel braucht die Diskussion nur auszusitzen. Wer hingegen Filme einzukaufen oder zu verkaufen hat, hat nur wenig Zeit und Energie für Grundsatzdiskussionen. Spätestens gegen Sonntag hin, wenn der Festivalwahnsinn zu seinem Höhepunkt aufläuft, wird es für gemeinsame Aktionen zu spät sein

Erratum

20 Apr

IPad-Benutzer sind mit ihnen täglich konfrontiert: mit den teilweise kuriosen Textenstellungen, die durch die automatische Fehlerkorrektur entstehen. Soeben eingetippte Wörter verschwinden wie von Zauberhand und werden durch sinnentstellende andere Wortschöpfungen ersetzt. Daß in meinem letzten Blogeintrag aus Ronald Reagan nun Roland Reagan wurde, ist leider nicht die erste, wahrscheinlich aber die peinlichste Eigenmächtigkeit meines elektronischen Zauberkastls. Die Verwandlung der Ttitelzeile von “Erratum” in “Erraten” ist mir zum Glück gerade noch aufgefallen.

Maria Fekter, Meryl Streep und Margaret Thatcher

20 Apr

Auch wenn das Steuerabkommen zwischen Österreich und der Schweiz nicht unumstritten ist, befindet sich Maria Fekter nach den Turbulenzen der letzten Wochen nun wieder in ruhigeren Gewässern. War das vorzeitiges Ausplaudern gemeinsamer Eurorettungsmaßnahmen zwar nicht sehr professionell aber ein nachvollziehbarer Patzer, muß man ein sehr eigenwilliges Selbstbewußtsein haben, um ganz bewußt und mit voller Absicht gleich in den nächsten Fettnapf zu treten und den Gesundheitszustand des ohnehin schon verärgerten Eurogruppen-Chefs Jean-Claude öffentlich breitzutreten. Lieber einen Aufreger nachschieben, als einen Fehler zugeben. Das angestrengt gepflegte Image, knallhart zu sein und unter allen Umständen Klartext zu sprechen, führt eben fallweise zu diplomatischen Kollateralschäden.

Rund um die Oscar-Nominierung für THE IRON LADY hat Maria Fekter in mehreren Interviews den Begriff „eiserne Lady“ auch für sich geltend gemacht und sich als Verfechterin eindeutiger Worte positioniert, als geradlinige Kämpferin für die Interessen Österreichs und als hart arbeitende Frau, die sich in der maskulinen Welt der Politik konsequent nach oben kämpfen musste. Seither hat sie Gefallen an dieser Rolle gefunden und nimmt in diversen Sonntagszeitungsbeilagengesprächen immer wieder auf ihre Rolle als Frau in der Politik Bezug, die weitaus stärker angefeindet werde, als ihre männlichen Kollegen.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals die Bezeichnung „eisern“ für Maria Fekter gehört oder gelesen zu haben (und „Lady“ schon gar nicht). Umso bemerkenswerter, daß sich Fekter ausdrücklich mit Meryl Streep und nicht mit Margaret Thatcher verglich. Offenbar ist Margaret Thatcher in Kontinentaleuropa sogar für eine konservative Hardlinerin wie Maria Fekter eine zweifelhafte Identifikationsfigur. Es ist eher unwahrscheinlich, daß sie seither im Kino war, um sich THE IRON LADY anzuschauen. Sie hat damit etwas verpaßt. Hätte sie doch anschaulich miterleben können, welch hohen Preis die Selbststilisierung zur Ikone unnachgiebiger Härte verlangt.

Über dem Projekt THE IRON LADY hing das große Fragezeichen, ob Margaret Thatcher nicht allzusehr in ein mildes Licht persönlicher Verklärung gerückt würde. Es ist vor allem der Leistung von Meryl Streep zu danken, daß der Film in diese Falle nicht tappt, sondern eine Person zeigt, die man – egal wie man ihre Politik beurteilt – nicht wirklich mögen kann. Zu groß ist die Distanz, die diese Frau zwischen sich und den Rest der Welt legt. Als Tochter eines reaktionären Krämers findet sie bei den Tories ideologisch zwar ganz selbstverständlich ihre Heimat, der ihr zugedachte Part ist aber ein dienender an der Seite eines Mannes und kein gestaltender in den höheren Rängen der Politik. Mit eisernem Willen kämpft sie sich im dünkelhaften Milieu der konservativen Hinterbänkler nach oben. Diszipliniert arbeitet sie an einem Sprechduktus, der hinter einer Mauer der Arroganz jegliche Verletzlichkeit verschwinden läßt, und sie trainiert sich eine Kälte an, die sie bei öffentlichen Auftritten nahezu unverwundbar macht. Daß sie eine Frau ist, macht zwar die Hürden höher und den Aufstiegskampf härter, hat ansonsten aber keine Auswirkungen auf ihr politisches Handeln. Diese ehrgeizige, stockkonservative Einzelgängerin ist das Gegenteil einer Feministin. Mit einem brutalen Mangel an Empathie kündigt sie jede Form gesellschaftlicher Solidarität auf. In der konsequenten Negation des sozialdemokratisch geprägten Konsensklimas der Nachkriegszeit ist die Falklandkriegerin noch radikaler als ihr transatlantischer Bündnispartner Ronald Reagan. Der Staat wird zum erklärten Feindbild der regierenden Klasse. Die Einhebung progressiver Steuern und das finanzpolitischen Regelwerk, das den Expansionsdrang der Banken und Hedgefonds eingrenzt, werden als vorgestrig verteufelt. Den Staat zu schwächen und seine finanzielle Basis zu unterminieren ist nun das erklärte Ziel, die Auslöschung der Gewerkschaften ein weiteres, und eine Umverteilung von unten nach oben die erwünschte Folge.

Doch der Film widmet sich nicht vorrangig den politischen Auseinandersetzungen jener Jahre sondern vielmehr den Konsequenzen von Thatchers politischem Handeln – für ihr Land, für ihre Familie und auch für sie selbst. Der zunehmende Realitätsverlust, mit dem sie immer starrsinniger und verbohrter an ihrem ideologischen Mantra festhält, wird ihr schließlich zum Verhängnis. Von ihren Parteifreunden dem Amt gejagt, vereinsamt und zunehmend dement, irrt sie am Ende des Films durch ihre Wohnung.

Der Spuk der Thatcher-Jahre blieb nicht auf Großbritannien beschränkt. Konservative in ganz Europa schrieben sich ihr Gedankengut auf die Fahnen, brachten aber nur Stückwerk zustande. Gepaart mit althergebrachter Klientelpolitik führte dieser Weg direkt hinein in die Schuldenkrise. Doch die Party ist vorbei. Die Zauberlehrlinge der Politik stehen ratlos vor der Entfesselung der Finanzmärkte und wissen nicht, wie sie die Dauerkrise in den Griff bekommen sollen. Das Kultivieren von „Härte“ ist zum sinnlosen Ritual verkommen – wie die ständig neuen Milliardenbeträge belegen, die, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, in diverse Euro-Rettungsaktionen gesteckt werden. Thatchers EU-Schlachtruf “I want my money back” wäre heutzutage von lächerlicher Vergeblichkeit.

Auf einem sehr hohen Ross sitzend, gehörte Österreichs Finanzministerin zu den entschiedensten Gegnern der Eurobonds. Nach dem Verlust des Triple-A und angesichts der Unfähigkeit, unsere eigenen Strukturprobleme nachhaltig zu lösen, hört sich das plötzlich sehr viel leiser an. Wobei Lernfähigkeit ja nicht die schlechteste aller Fähigkeiten wäre. Das politische role model nimmt derzeit ohnehin eher an Angela Merkel als an Margaret Thatcher Maß. Nüchterner Pragmatismus statt verbohrtem Dogmatismus, die Bereitschaft zuzuhören und Kompromisse zu schließen, sowie die Fähigkeit, Irrtümer einzugestehen und ohne allzugroße Verrenkungen zu korrigieren – das sind die politischen Tugenden der Stunde.

Man soll sich in der Machtpolitikerin Merkel nicht täuschen. Auf dem Weg nach oben hat sie ihre partei-internen Gönner eiskalt abserviert und ihre Rivalen so effizient wie lautlos kaltgestellt. Dogmatische Verbohrtheit ist ihr hingegen völlig fremd. Als Naturwissenschaftlerin entsorgt sie ideologische Versatzstücke, die den Praxistest nicht bestehen, ohne große Emotionen. Ihre ursprünglich neoliberalen Ansätze sind einer moderat konservativen Praxis des Regierens gewichen. Zur Fortschrittseuphorie besteht zwar kein Anlaß, wohl aber zur Würdigung der Tatsache, daß nun wieder ein Politstil erfolgreich ist, der Starrsinn nicht zur Ideologie macht. Insofern war der unrühmlicher Abgang Margaret Thatchers das vorzeitige Signal einer Zeitenwende. “Eiserne” Ladies (und Gentlemen) sind definitiv ein Auslaufmodell. Vielleicht sollte sich Maria Fekter THE IRON LADY doch noch anschauen.

Frühling in Graz

26 Mar

Für routinierte Diagonale-Besucher ist die alljährliche Fahrt nach Graz eine Reise in den Frühling. Die Diagonale scheint die Sonne gepachtet zu haben. Hier ist es im März stets ein bißchen wärmer als in Wien, die Sonnenstrahlen sind kräftiger und die Bäume bereits grüner. Auch wenn Schönwetter für Kinoleute nie ein Grund zur Freude ist, hat es auch für mich seinen Reiz, unter strahlend blauem Himmel in entspannter Atmosphäre in der Sonne zu sitzen und mich mit meinen Kollegen zu unterhalten. Die große Auswahl an Filmen, die sich dem Publikum darbietet, reduziert sich für Mitglieder der Branche hauptsächlich auf Dokumentarfilme. So gut wie alle Spielfilme haben einen Verleih, und wurden zumindest in internen Vorführungen gezeigt. Bei den Dokus hingegen gibt es tatsächlich noch Neues zu entdecken.

Er ist ein Koloß von einem Mann – trauriger Clown, zorniger Selbstdarsteller, ewiger Provokateur, liebesbedürftiger Einzelgänger. Teil seines Wesens ist die unaufhörliche Selbstinszenierung, und dafür bekommt er im Dokumentarfilm KERN nun eine respektvolle Bühne geboten. Veronika Franz und Severin Fiala stellen die öffentliche Person Peter Kern mit sichtbarer Sympathie aber nicht ohne kritische Distanz in den Mittelpunkt eines intimen Porträts. Aus Deutschland, wo er in jungen Jahren als Schauspieler Karriere machte und mit den meisten Regiegrößen des (damals) jungen deutschen Films zusammenarbeitete, ist er vor mehr als zwanzig Jahren nach Wien zurückgekehrt, wo er als Regisseur verbissen und konsequent seinen Weg geht – manchmal haarscharf, zumeist aber meilenweit vorbei an allen Konventionen, an der Förderungslandschaft, an den Verleihern, den Kinos und sehr oft auch am Publikum.

KERN ist Scharade und Psychodrama, ein tragikomisches Katz- und Maus-Spiel zwischen Hauptdarsteller, Regisseuren und Publikum. Es gehört zum geschickten Kalkül dieses Films, nicht zu verschweigen, wie sehr sich der Regisseur Peter Kern in (nahezu?) jedem Moment der Anwesenheit der Kamera bewußt ist und die Regisseure inszenatorisch zu überholen versucht. Und der Schauspieler Peter Kern beherrscht den ebenso überraschenden wie bruchlosen Wechsel zwischen verschiedenen Rollenmustern perfekt. Vom weltschmerzbewegten Künstler, über den sprachgewandten Charmeur bis zum cholerischen Kotzbrocken – nie kann man sich ganz sicher sein, ob die Wahrheit in der Echtheit des Moments oder im virtuosen Spiel des Verwandlungskünstlers liegt. „Alles Lüge“ teilt Kern seinem Publikum mit funkelndem Blick in die Kamera mit, „ihr werdet die Wahrheit über Peter Kern nie erfahren“.

Schauplatz dieses Psychodramas ist  eine bedrückend enge Gemeindewohnung in der Großfeldsiedlung, die Kern von seinen Eltern geerbt hat. Dieser Ort hat eine ganz eigene innere Wahrheit, an der auch Kern nicht vorbeikommt. Jene Szenen, in denen er mit dieser Wohnung verknüpfte Geschichten über seine Eltern erzählt, gehören zu den intimsten und berührendsten Momenten des Films. Verletzliche Menschen, die wegen ihres Aussehens oder ihrer sexuellen Orientierung vermeintliche oder tatsächliche Angriffsflächen bieten, perfektioniern die Selbstironie sehr oft zu einer hohen Kunst. Wer auf sich selbst losgeht, bevor es die anderen tun, bleibt Herr des Geschehens und hat die Lacher auf seiner Seite. Doch selten verbindet sich funkelnde Selbstironie mit so hoher Sprechkultur wie hier. KERN ist in manchen Passagen daher ziemlich lustig – gerade dort, wo uns die Tragik dieser Person besonders nahe rückt. In seiner radikalen (am Ende des Films auch physischen) Selbstenblößung schont Peter Kern jedenfalls weder sich noch sein Publikum.

In schockierender Weise ehrlich ist auch der Protagonist in OUTING. Ein Dokumentarfilm von Sebastian Meise und Thomas Reider, der aus Recherchematerial zum Spielfilm STILLEBEN (Gewinner des Großen Preises der Diagonale) entstand. Sven ist ein intelligenter junger Mann, ein Student, der zurückgezogen lebt und gewohnt ist, eloquent über sich selbst zu sprechen. Sein Problem: er hat pädophile Neigungen, und es ist ihm bewußt, daß er sie auf gar keinen Fall ausleben darf. Er berichtet über seine zahllosen Therapien und seine erfolglosen Versuche, Beziehungen mit Erwachsenen anzuknüpfen. In seinen Erzählungen werden wir aber auch zu Zeugen, wie er gefährlich nahe an eine Realisierung seiner verbotenen Träume rückt. Er selbst bezeichnet sich als tickende Zeitbombe, begibt sich fallweise auch in stationäre psychiatrische Behandlung und versucht in Zeiten, in denen der innere Druck nachläßt, ein „normales“ Leben zu führen. Ein sehr viel älterer Leidensgenosse, dessen Rat er sucht, erzählt von seiner Kastration, die viel inneren Druck von ihm genommen, seine Sehnsüchte und Träume jedoch nicht ausgelöscht habe. Sven ist kein Monster, aber sein Verhalten wird auch nicht verharmlost. Offenbar gibt es ein große Zahl an Menschen mit pädophilen Sehnsüchten. Viele von ihnen leben diese Neigung zum Glück nie aus. Der Film hat mich völlig ratlos zurückgelassen. Wenn man sich dazu bekennt, Kinder möglichst gut zu schützen und andererseits Menschen nicht präventiv wegzusperren oder zwangsweise zu kastrieren, gerät man in ein unauflösliches moralisches Dilemma, wie die Gesllschaft mit Menschen wie Sven verfahren soll.

Sehr viel heiterer geht es in NR. 7 zu. In einer Mischung aus innerfamiliärem Homemovie und ethnografischer Erkundungstour nimmt Regisseur Michael Schindegger seinen bevorstehenden Umzug zum Anlaß, das Haus in dem er aufgewachsen ist, und dessen Bewohner, die er nur flüchtig oder gar nicht kennt, näher zu erforschen. Ein sympathischer Film mit heiterer Note, der allerdings weitgehend an der Oberfläche bleibt und von der realen Lebenswelt seiner Protagonisten nur wenig preisgibt.

Zum Abschluß dann doch noch ein Spielfilm. DIE TOTEN FISCHE, von Michael Synek vor mehr als 20 Jahren ohne Förderung produziert, wurde 1989 in Cannes gezeigt, geriet dann in einen Strudel finanzieller und rechtlicher Verstrickungen und kam nie ins Kino. Vor kurzem konnte sich der Regisseur die Rechte zurückerkämpfen und versucht nunmehr den Film kinofähig zu machen. Nach einer Kurzgeschichte von Boris Vian wird in expressionistischem Schwarzweiß und mit teilweise beeindruckender visueller Phantasie der apokalyptische Alltag einer geknechteten Kreatur gezeigt, deren Wehrlosigkeit und hoffnungslose Schicksalsergebenheit an eine Kafka-Figur heranreicht. Der Film bringt ein Wiedersehen mit Erwin Leder, Ende der 80er Jahre einer der ausdruckstärksten Schauspieler des österreichischen Films. Abgesehen von nostalgischen Wiedererkennungseffeken mit manchen Kleindarstellern und Schauplätzen ist dieser Film in Erzähltempo und Erzählduktus eindeutig ein Kind seiner Zeit. Mit dem heutigen Kinoalltag ist er nur bedingt kompatibel.

Ansonsten noch ein Treffen mit meinen ProgrammkinokollegInnen, bei dem es u.a. um die zukünftige Organisationsform der “Nacht der Programmkinos” ging, diverse Branchenveranstaltungen und die Graz-Premieren unserer Filme (SPANIEN als Eröffnungsfilm, KUMA, SOMMER 1972, TABU). Fü knapp drei Tage zwar ein ausgefülltes, aber kein allzu dichtes Programm….

Oscar hilft uns allen

6 Mar

Etwas mehr als eine Woche liegt sie nun zurück, die Oscar-Verleihung, und einmal mehr mache ich die erfreuliche Erfahrung, daß die Academy Awards der wirksamste Werbeturbo sind, den die Filmbranche zu bieten hat. Je anspruchsvoller der Film, desto stärker die Wirkung. Bliebe er ansonsten auf das Arthaus-Segment beschränkt, erreicht er plötzlich und fast spielerisch ein breites Publikum. Um mehr als 50% sind die Zahlen von THE ARTIST seither angestiegen, und THE IRON LADY ist am letzten Wochenende sehr gut gestartet. Wunderbarerweise kommen gerade jene Leute hochzufrieden aus dem Kino, die sich einen solchen Film ansonsten niemals angeschaut hätten. Als Verleiher eines Oscar-Films lebt man besuchertechnisch ein paar Wochen ungestraft über seine Verhältnisse, man kann klotzen statt kleckern und sich an den Zahlen das Herz erwärmen.

Die allerersten beiden Oscar-Filme in unserem Verleiherdasein kamen durch einen glücklichen Zufall im selben Jahr (1996) ins Kino. Susan Sarandon setzte sich als beste Hauptdarstellerin in DEAD MAN WALKING gegen ihre Konkurrentinnen durch und Nicholas Cage als bester Hauptdarsteller in LEAVING LAS VEGAS. Normalerweise wären beide Filme über ein kleines Publikum nicht hinausgekommen. Weder eine Geschichte, die zum Großteil in einer Todeszelle spielt und mit der Hinrichtung ihres Protagonisten endet, noch das Drama eines Mannes, der sich in Las Vegas mit voller Absicht zu Tode trinkt, lassen ein breiteres Publikum vermuten. Unterm Strich hatte DEAD MAN WALKING dann 135.000 Zuschauer und LEAVING LAS VEGAS knapp 100.000.

Seither haben wir bei vielen Oscar-Verleihungen für “unsere” nominierten Filme mitgezittert – mit ganz unterschiedlichem Ausgang. Teilweise gab es einen Preisregen, viel öfter jedoch zerstoben unsere Hoffnungen schon im Vorfeld der Nominierungen oder auf dem Nebengleis diverser Randkategorien. Der Oscar für das beste Make Up oder für den besten Tonschnitt hat noch keinen Film im Kino vorangebracht. Werbewirksam sind nur die Hauptkategorien (bester Film, beste Darsteller) oder eine beeindruckend große Anzahl der kleinen Statuetten. Am besten man hat beides zusammen, da kann dann nicht mehr viel schiefgehen.

Zu den Oscars mit einem Werbewert 3. Klasse gehört – zumindest bei uns in Österreich – die Kategorie “Bester fremdsprachiger Film”, in salopper Unsinnigkeit zumeist “Auslands-Oscar” genannt. Es sei denn, wir sind Oscar, und die Wahl fällt auf einen österreichischen Film. DIE FÄLSCHER, von uns 2007 ins Kino gebracht, waren – allen nachträglich auftauchenden Legenden zum Trotz – schon bei ihrer Erstaufführung kein Flop und hatten im Arthaus-Bereich ein respektables Ergebnis vorzuweisen. Doch ein Jahr später, mit dem Oscar im Rücken, konnten wir im Kino tatsächlich ein Massenpublikum erreichen, obwohl der Film auf DVD schon längst im Handel war.

Folgten auf SLUMDOG MILLIONAIRE (acht Oscars 2009, fast 300.000 Zuschauer) zwei magere Jahre, war uns heuer das Glück wieder hold. Mit THE ARTIST und THE IRON LADY hatten wir in den wichtigsten Kategorien die Nase vorn – und zum Drüberstreuen war NADER & SIMIN als bester fremdsprachiger Film erfolgreich. In seltenen Momenten werden Visionen wirklich wahr. Ein deutscher Kollege hatte im Vorjahr in Cannes THE ARTIST gekauft und die Österreich-Rechte an mich weitergegeben. Gegen Ende des Festivals, spätabends bei einem allerletzten Absacker, haben wir uns ausgemalt, daß diese Hommage an die Frühzeit des Kinos, eigentlich alle Oscar-Chancen der Welt haben müßte. Unsicher waren wir nur, ob die amerikanischen Academy-Mitglieder es goutieren würden, ausgerechnet von einem französischen Regisseur ihre eigene Film-Frühzeit vor die Nase gesetzt zu bekommen. Letztlich besiegte aber unsere eigene Begeisteruing für diesen Film unsere Skepsis, und wir haben uns in leuchtenden Farben ausgemalt, für welche Kategorien er nominiert werden könnte; und wir haben uns einen genauen Fahrplan überlegt, wann man den Film starten und wie man ihn in mehreren Phasen bewerben müßte, um ihn von der Nominierungsphase bis zur Oscar-Verleihung gut in den Kinos zu halten (an diesen Fahrplan haben wir uns dann, viele Monate später, tatsächlich gehalten). Halb im Spaß, halb im Ernst sahen wir in der Tatsache, daß es sich um einen Stummfilm handelt, die Hauptchance des Films. Wie von Zauberhand wird damit eine Sprachbarriere außer Kraft gesetzt, die nicht-englischsprachige Filme im Normalfall an allen Hauptkategorien vorbei pfeilgerade aufs Nebengleis “Bester fremdsprachiger Film” führt.

Trotzdem war das ein Hirngespinst, ohne greifbare reale Grundlage. Jedes Jahr verschwendet man hoffnungsvolle Gedanken an diverse Filme, bei denen man eine Nomierungschance ebenso dringend wie vergeblich herbeisehnt. Doch hier war eine frühe Ahnung die richtige und die Hoffnung nicht vergebens. Mir persönlich ist die Faszination des ganzen Oscar-Rummels ohnehin seit jeher ein Rätsel, und etwas Langweiligeres als die Verleihungszeremonie muß erst noch erfunden werden. Abgesehen davon kann man eine Veranstaltung, die ausschließlich auf Glamour setzt, nicht kritiklos hinnehmen. Aber der Werbewert für die Sieger-Filme ist unschlagbar, und im Vorfeld baut sich tatsächlich Spannung auf. Auch mir ist es inzwischen ein liebgewordenes Ritual, mich an den Nominierungs-Spekulationen zu beteiligen, erwartungsfrohe Vermutungen anzustellen und für – eigene und fremde – Filme mitzuhoffen und mitzubangen. Es ist gar nicht so leicht, sich auf Dauer den Branchenritualen zu entziehen. Warum denn auch – wenn´s Spaß macht und nützt….

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