Fünf Tage ist es her, seit Michael Hanekes AMOUR gezeigt wurde, und der Stern dieses Films strahlt umso heller, je weiter des Festival fortschreitet. In den Kritiker-Rankings der Fachpresse liegt Haneke weit voran, und obwohl Preisverleihungen immer gut für Überraschungen sind, sollte die Jury an diesem Film nicht vorbeikommen. Die verstörende Intensität von AMOUR erreicht bei weitem kein anderer der hier gezeigten Filme. Am ehesten kann da noch Thomas Vinterbergs HUNT mithalten, der uns hautnah miterleben läßt, wie durch eine falsche Bezichtigung eine Existenz zerstört wird. Lucas (Mads Mikkelson) ist Kindergärtner in einem entlegenen Dorf, irgendwo in der dänischen Provinz. Ein harmloser Alltagskonflikt bringt die fünfjährige Tochter seines besten Freundes im kindlichen Zorn dazu, ihn eines unsittlichen Übergriffs zu bezichtigen. Als das Mädchen die Anschuldigung wenig später zurücknimmt, wird ihr nicht geglaubt. Ein schlecht ausgebildeter Psychologe und die überforderte Leiterin des Kindergartens interpretieren ihre entlastenden Aussagen als Teil eines kindlichen Verdrängungsprozesses. Kurzfristig verhaftet, wird Lucas mangels an Beweisen freigelassen. Die Hysterie im Dorf kocht hoch, und Lucas hat keine Chance mehr, seine Unschuld zu beweisen. Die Hetzjagd kann beginnen! Vor allem im Mittelteil wird der Film zur beklemmenden Schilderung eines Alptraums, in den grundsätzlich jeder hineingeraten könnte. Nach seinem umjubelten Debüt DAS FEST war es still um Vinterberg geworden. Eine lange Serien von Flops hätte ihn um ein Haar aus dem Filmgeschäft hinauskatapultiert. Nach einigen Arbeiten als Theaterregisseur (u.a. auch in Wien) ist HUNT nun ein souveränes Filmcomeback.
Noch einige Jahre vor Thomas Vinterberg betrat Leos Carax als junges Genie die Festivalbühne, und wenige Filme später war seine Karriere so gut wie vorbei. Sein letzter Kinofilm POLA X lief 1999 hier in Cannes und war bei Kritik und Publikum ein spektakulärer Mißerfolg. Ich hatte damals den Film auf Drehbuchbasis teuer gekauft und erinnere mich noch gut an das Entsetzen, mit dem ich die Vorführung verließ. Mit HOLY MOTORS kehrt Carax nun mit einem Film zurück, der im Kino über ein Nischendasein nicht hinauskommen wird. Aber gescheitert ist er diesmal nicht. Denis Lavant spielt den rätselhaften Monsieur Oscar, der ein vermögender Mann zu sein scheint. Von einer distinguierten Assistentin begleitet, läßt er sich in einer gigantischen Strechlimousine durch Paris fahren, um verschiedene “Aufträge” zu übernehmen, die ihn in wechselhafte Rollen schlüpfen lassen. So mischt er sich als alte Bettlerin unter die Passanten einer belebten Kreuzung, er betätigt sich als akrobatischer Tänzer in einer Show mit spektakulären Lichteffekten, als hinkender Gnom entführt er Eva Mendes von einem Modeshooting, als Vater aus der Unterschicht holt er seine Teenager-Tochter von einer Party ab, um wenig später in eine Reihe weiterer Rollen zu schlüpfen. Um welche “Aufträge” es sich handelt, die er möglicherweise auf höheren Befehl ausführt, bleibt ebenso der philosophischen Interpretationslust des Zuschauers überlassen, wie die sehr viel banalere Frage, welche Identität Monsieur Oscar eigentlich hat. HOLY MOTORS ist ein lustvolles Spiel mit Rollen und Situationen, mit den Verstellungskünsten eines Schauspielers und ein vergnügliches Privatissimum über den schier unbegrenzten Reichtum maskenbildnerischer Verwandlungsmöglichkeiten.
Unter den Stammgästen auf der Croisette ist Ken Loach einer der produktivsten. Einen so heiteren und gutgelaunten Film wie THE ANGELS SHARE hat man von ihm aber seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Robbie ist ein jugendlicher Gewalttäter aus Glasgow und muß gemeinsam mit einigen anderen Jugendlichen Sozialarbeit verrichten, um dem Gefängnis zu entgehen. Dem Wunsch in Zukunft ein ehrbares Leben zu führen, steht der gemeinsame Geldmangel entgegen; zumal Robbie gerade Vater geworden ist und für Frau und Kind ein Dach über dem Kopf braucht. Als Robbie zufällig mitbekommt, daß im Whisky-Mekka Islay ein altes Faß mit rekordträchtig wertvollem Inhalt versteigert wird, trampt er gemeinsam mit seinen Freunden quer durch Schottland, um sich unter die Auktionsteilnehmer zu mischen. Doch sein genialer Plan, den Whisky unbemerkt aus dem Faß zu bekommen, scheint in letzter Minute zu scheitern. Wie immer bei Ken Loach ist das Drehbuch etwas schematisch und in der Figurenzeichnung holzschnitthaft. Doch seine Figuren haben das Herz auf dem rechten Fleck, und ihr Regisseur begegnet ihnen mit Sympathie und Herzenswärme. Der Film verharmlost den schwierigen sozialen Background seiner jugendlichen Helden nicht. Doch anstatt der üblichen verregnet-grauen Stadtansichten dominieren diesmal sonnenbeschienene schottische Landschaften den optischen Look, die Kunst des Whisky-Machens und des Whisky-Trinkens wird in animierender Weise gewürdigt, und ein buntes Sortiment an skurrilen Gags sorgt für wirklich gute Laune. Ein sozialkritisches Feelgood-Movie mit Publikumspotential. Vor einem Jahr wurde der Film auf Drehbuchbasis angeboten. Das Script hat mir gut gefallen, mir war das Ergebnis aber zu ungewiß, und der Film war mir zu teuer. Jetzt ist der Preis weiter geklettert. Noch ist bezüglich Österreich nichts entschieden. Kostengünstige Filmeinkäufe sehen jedenfalls anders aus!
Auch Abbas Kiarostami ist ein alter Bekannter in Cannes und einer der großen Regisseure der Neunziger Jahre. Die Kunst des virtuosen Umgangs mit Schauspielern und der raffinierten Kameraführung beherrscht er noch immer. Aber im Gegensatz zu früher, sind seine Geschichte blutleere Konstrukte, die die Mühe, sich darauf einzulassen, nicht wirklich belohnen. Ähnliches gilt für Carlos Reygadas mit POST TENEBRAS LUX, einem episodisch erzählten religiösem Traktat mit nihilistischen Einschüben. Nicht nur mich hat dieser Film ratlos aus dem Kino entlassen.
In den Nebenreihen gab es durchaus Interessantes – wenngleich ohne wirkliche Kinotauglichkeit: ein berührendes mexikanisches Drama über den Leidensweg einer Halbwüchsigen, die an ihrer Schule gnadenlos gemobbt wird (AFTER LUCIA) eine betulich-schräge Komödie mit Benoît Poelvorde als Altpunk (LEE GRAND SOIR), eine belgische Familientragödie (OUR CHILDREN) und als unterhaltsames Kuriosum, ein üppig ausgestattetes chinesisches Remake der GEFÄHRLICHEN LIEBSCHAFTEN, das die Handlung in das Schanghai der 30er-Jahre verlegt und uns an den Ausschweifungen der dekadenten Oberschicht teilnehmen läßt.
Die schwarzhumorige britische Komödie SIGHTSEERS war von einen Tag auf den anderen der Geheimtipp des Festivals und hat die internationalenVerleiherlandschaft in zwei Lager gespalten. Für die einen war das Glas halbvoll (die haben dann den Film gekauft) und für die anderen (so auch für mich) war es halbleer.
Daneben dann noch jede Menge Meetings, im Hotelzimmer spätabands gelesene Drehbücher, das übliche Hin- und Her-Gehetze über die Croisette und fast durchgehend Kälte und Dauerregen. So schlecht wie heuer war das Wetter in Cannes jedenfalls noch nie! Nach 11 Tagen Ausnahmezustand in der hermetischen Metarealität des anstrengendsten aller Festivals ist der Flughafen von Nizza alljährlich das Ziel meiner Sehnsucht. Hier sitze ich nun, und es ist so gut wie geschafft. Es ist Freitagabend, und mit dem Pfingstwochenende beginnt wieder das normale Leben.